Wer kann der Sparkasse mal 1000 Euro leihen? Hintergründe des Bargeldes


Bildmontage: HF

01.04.20
DebatteDebatte, Wirtschaft, TopNews 

 

Von Franz Schneider, Saarbrücken

Banken haben eine gute Beziehung zu Schulden. Sie verschulden sich in erheblich höherem Maße als andere Unternehmen. Ihr Geschäftsmodell gründet geradezu auf Schulden(erzeugung).

Wieso das? Ganz einfach. Stellen Sie sich vor, jemand kommt zu Ihnen und fragt Sie. Ich habe gehört, dass Sie einen sicheren Tresor haben. Können Sie meine 1000 Euro, die ich zur Zeit nicht unbedingt brauche, sicher verwahren. Sie sagen "na klar, kein Problem". Sie "versprechen" dem Kunden, dass er sein Bargeld oder Teile davon jederzeit wieder zurückbekomme, wenn er es wünscht. Mit dem Versprechen machen Sie sich zum Schuldner des Kunden. Sie haben eine Verbindlichkeit ihm gegenüber. Den Kunden schicken Sie nach Hause mit einer Forderung und machen ihn zum Gläubiger. Sie haben sich damit zum Banker gemacht. Nach einiger Zeit stellen Sie fest, dass der Kunde mal 20 Euro abhebt, dann wieder 30, aber nie viel mehr. Manchmal bringt er sogar wieder etwas zu Ihnen. Und Sie stellen fest, dass viele Euros dieses Kunden in Ihrem Tresor "nutzlos" herumliegen. Nun kommen Sie auf einen genialen "dummen Gedanken". Sie sagen sich, "ich könnte doch einen Teil des Geldes nehmen, es anderen Leuten gegen Zins ausleihen und damit selbst Geld verdienen. Ich muss eben nur darauf achten, möglichst immer gerade so viel Bargeld im Tresor zu haben, dass ich dem Gläubigerkunden, seine 30 oder 50 Euro in bar geben kann, wenn er sie braucht." Richtig. Sie müssen immer gerade genug Bargeld vorhalten. Das ist aber gar nicht so einfach. An das längerfristig ausgeliehene Geld kommen Sie ja so schnell nicht wieder ran. Es kommt noch eine weitere Erschwernis hinzu. Denn als Sie dem Kunden Auszahlungen von Bargeld versprochen haben, immer dann, wenn er es wünscht, haben Sie unter der Hand, aus seinem eingezahlten Bargeld Ihr eigenes privates Bankengeld, Giralgeld genannt, gemacht. Dieses private Geld gibt Ihnen schließlich noch viel größere Handlungsspielräume. Die können sogar noch weit über die 1000 Euro hinausgehen. Dieser Aspekt soll hier nicht vertieft werden, der Hinweis "private Giralgeld- oder Kreditgeldschöpfung" soll genügen. "Unbequeme" Tatsache ist jedenfalls, die Umwandlung des Bargeldes in Giralgeld macht es notwendig, dass Sie sich bei jedem späteren Verlangen des Kunden nach Bargeld bemühen müssen, wieder an Bargeld zu gelangen. Das Wichtigste ist ja: der Kunde darf auf keinen Fall merken, was Sie mit seinem Geld so alles treiben.

Vor ein paar Tagen war in einer Mitteilung der Sparkasse Saarbrücken zu lesen, dass die Kunden, die mehr als 1000 Euro in bar abheben möchten, dies vorher mitteilen sollen. Der Autor dieses Artikels erfuhr persönlich in einem Gespräch am Schalter, dass es bei Beträgen, sagen wir mal 7000 Euro, mehrere Tage dauern kann, bis er sein Geld in Händen halten kann. Wenn er es am Donnerstag ankündige, erst am folgenden Mittwoch. Bargeld würde nur einmal pro Woche, am Mittwoch, geliefert.

Bargeld scheint also ein verdammt knappes Gut zu sein. Die sogenannten Barreserven, das kann man in jeder Bankbilanz auf der Seite der Aktiva sehen, sind nicht groß. Sie dienen dazu, die "lästigen" Kunden mit Bargeldwünschen zu bedienen.

Was macht nun eine Bank, wenn sie merkt, dass das Bargeld (Barreserven) in ihrem Tresor gefährlich knapp wird? Sie muss sich auf die Schnelle frisches kurzfristiges Geld beschaffen. Sie braucht es ja nur um eine gerade aufgetretene Bargeldlücke zu schließen. Das kommt ja immer wieder vor. Kein Problem. Morgen sieht es schon wieder anders aus. Man hat ja ein positives Verhältnis zu Schulden.  

Wo bekommt eine Bank nun dieses verflixte Bargeld her, das nur Arbeit, Ärger und keinen Gewinn bringt. Und zu allem Überfluss auch noch Geld kostet. Sie bekommt es von der EZB / Deutschen Bundesbank, weil nur diese das Recht besitzen, Bargeld auszugeben. Das ist ja auch gar nicht verkehrt, denn so hat sie zumindest noch ein - leider immer mehr an Wirkung verlierendes Instrument in der Hand -, die Banken vor allzu vielen "dummen Gedanken" zu bewahren. Der Kunde, der seine 1000 Euro dem Tresor anvertraute, wird damit sicher sehr einverstanden sein.

Bei der EZB / Deutschen Bundesbank müssen alle Geschäftsbanken und Sparkassen ein Bargeldkonto unterhalten. Sie sind in der gegenwärtigen Situation darauf bedacht, dieses Konto auf dem Stand plus minus null zu halten. Haben sie nämlich mehr als null darauf, werden ihnen davon 0,4% abgezogen (negativer Einlagesatz = Negativzins). Haben sie weniger als null darauf, dann müssen sie sich das fehlende Geld für derzeit 0,25% Zinsen (Spitzenrefinanzierungssatz) über Nacht (sog. Übernachtgeschäfte) teuer ausleihen. Sie können es aber auch bei einer anderen Bank ausleihen (Interbankengeld wird als Bargeld betrachtet). Die Banken selbst trauen sich eben nur mit Bargeld gegenseitig über den Weg. Und es findet sich immer eine, die gerade mal Bargeld übrig hat und froh ist, wenn es ihr eine andere Bank abnimmt. Denn wenn nicht, müsste sie ja noch eine "Strafgebühr" bezahlen.

Ja, liebe Leser, so ist das mit dem Bargeld. Vielleicht denken Sie daran, wenn Sie demnächst mal wirklich auf die Idee kommen sollten, an den Schalter zu gehen.

Literaturtipp: Anat Admati / Martin Hellwig (2014): Des Bankers neue Kleider. Was bei Banken schiefläuft und was sich ändern muss.

 







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