Nicht gut gelitten: „Die Politisierung des Privaten“


Bildmontage: HF

17.10.19
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Von Franz Witsch

Der Bürgerbrief BB168 hat überwiegend positive Reaktionen zur Folge gehabt, gleichwohl eine unappetitliche Geschichte hinter sich, die an Zensur grenzt, wohlgemerkt nur grenzt. Das Wort Zensur ist allerdings ausgesprochen worden, indes nicht von mir; Jens Wernicke, Herausgeber des Internet-Portals www.rubikon.news nahm dieses Wort in den Mund, könnte sein, nicht ganz ohne Grund.

Anstatt von Zensur würde ich allerdings lieber von „Einübung in Zensur“ im Hinblick auf höhere Aufgaben sprechen. Denn eines dürfte vermutlich nicht ganz von der Hand zu weisen sein: die, die sich über Ausgrenzung, mithin Zensur durch die herrschende veröffentliche Meinung beklagen, transportieren möglicherweise nur Lippenbekenntnisse und würden, ausgestattet mit höheren Machtbefugnissen, nicht weniger Ausgrenzung oder Zensur betreiben als ihre an der Macht befindlichen politischen Gegner. Nicht dass sie üben, ist der Skandal, sondern dass sie die Möglichkeit nicht in Erwägung ziehen, dass sie es, oben angekommen, tun könnten.

Zensur-Erfahrungen, bzw. Einübung in Zensur, machen wir auch untereinander; sie gehören zur „Innenausstattung sozialer Diskurse“ (Arbeitstitel des in Arbeit befindlichen Textes T09) und müssen vollkommen unaufgeregt einer öffentlichen Diskussion zugänglich gemacht werden. Denn eines steht, jedenfalls für mich, fest: Jens Wernicke ist nicht mein Feind. Ich betrachte ihn noch nicht einmal als politischen Gegner. Des Weiteren fühle ich mich keineswegs als besserer Mensch. Schließlich halte ich es für möglich, dass auch ich Menschen ausgrenze oder Zensur (wenn auch anders als die da oben) ausübe, und bin deshalb, weil ich es für möglich halte und im Privaten vielleicht, ohne es zu merken, auch mache, besser darauf vorbereitet, das unappetitliche Thema „Zensur und Ausgrenzung“ zu diskutieren, jedenfalls weniger mit vorgeschoben-fadenscheinigen Argumenten zu verleugnen.

In diesem Zusammenhang plädiere ich in meinen Büchern und Texten für eine „Politisierung des Privaten (des Bürgers)“. Das heißt ich mache den Bürger, sein Innenleben, zum Gegenstand der Beobachtung, etwas was in den sozialen Diskursen nicht gut gelitten ist, obwohl, umgekehrt, die „Privatisierung des Politischen“ längst Eingang gefunden hat in den sozialen Medien des Internets. Das legt eine „Politisierung des Privaten“ nahe, nicht zuletzt um Unappetitlichkeiten in den sozialen Medien zu begegnen. Zuviel für Jens Wernicke und seine Rubikon-Redaktion? Ich fürchte ja.

Doch was ist im Einzelnen passiert?

Nun, Minuten nach dem Erscheinen von Bürgerbrief BB168 (am 29.09.2019) meldete sich Jens Wernicke per EMail bei mir, weil er BB168 im Rubikon veröffentlichen wollte: „Lieber Herr Witsch, würden Sie das in Artikelform bringen? Weil: Wir würden die Gedanken gern im Rubikon abdrucken. Danke und herzliche Grüße: Jens Wernicke, Herausgeber.“

Der Text scheint also zumindest im ersten Moment im Innenleben von Jens Wernicke etwas zum Erklingen gebracht zu haben. So etwas freut mich. Das gab ich ihm zu verstehen: „Gern. Im Word-Format ohne Silbentrennung, rechtsbündig und normalen Anmerkungen? Übermorgen können Sie den Artikel kriegen. Herzlich Franz Witsch.“

Schon am Tag darauf schickte ich ihm den Artikel zu unter Beachtung der Rubikon-Formvorgaben: „Habe mir schon heute Morgen die Zeit genommen, den Artikel in Form zu bringen; ich hoffe zu Ihrer Zufriedenheit (siehe Anhang). Herzliche Grüße Franz Witsch.“

Jens Wernicke reagierte umgehend: „Vielen Dank, Herr Witsch, ich habe es ans Team weitergereicht, hier wird man den Artikel einplanen und sich wegen des bei uns stets veranlassten Korrektorates in Verbindung setzen. Ich freue mich über und auf die Zusammenarbeit. Herzliche Grüße: Jens Wernicke, Herausgeber.“

Auch ich bedankte mich: „Die Freude ist bei mir. Dass Menschen sich für mich interessieren, halte ich keineswegs für selbstverständlich. Vielen Dank dafür. Herzlich Grüße Franz Witsch.“

Über eine Woche hat sich bei mir niemand gemeldet. Auch ist mein Artikel im Rubikon nicht erschienen. Am 08.10.2019 fragte ich an: „Lieber Jens Wernicke, habt ihr mich zwischenzeitlich vergessen? Herzlich Franz Witsch.“

Daraufhin Jens Wernicke: „Lieber Herr Witsch, nein, Ihr Text ist im Korrektorat – und wie ich höre, gibt’s dort Probleme, da man kaum in der Lage ist, ihn inhaltlich zu verstehen: zu komplex für Zeitung. Die Damen melden sich bei Ihnen; ich fürchte aber, wie das bisher klingt, dass der Text in dieser Fassung nicht erscheinen kann, weil wir immer das Anliegen haben, bei aller politischen Brisanz, auch verständlich zu sein. Danke und herzliche Grüße: Jens Wernicke.“

Enttäuscht und einigermaßen erstaunt antwortete ich: „Ich kann Ihnen versichern, lieber Herr Wernicke, dass der Text im Verteiler ein außerordentliches Echo gefunden hat, sowohl bei Professoren, Doktoren (u.a. bei eurem Autor V.N.: erhellend, wie er sich ausdrückt; könnt ihn ja mal fragen, und weiteren bekannten Autoren), aber auch bei arbeitenden Menschen; nicht zuletzt unter meinen zahlreichen Tennisfreunden (…). Aber ihr müsst es wissen, wen ihr rein lasst und wen nicht (...). Ich hätte mich gern bei euch engagiert. Herzliche Grüße. Franz Witsch.“

Daraufhin Jens Wernicke, sich rechtfertigend, einmal mehr: „Lieber Herr Witsch, es geht hier nicht um ‚Reinlassen‘ und also Ego oder Zensur, sondern um Didaktik, und Professoren sind eben explizit NICHT unsere Zielgruppe. Mein Vorschlag wäre: Schreiben Sie das Anliegen noch einmal leichter verständlich, dann hätten wir einen ‚Gewinn‘ für beide Seiten. Danke und herzliche Grüße: Jens Wernicke.“

Ich akzeptierte den Vorschlag – immer noch am 08.10.2018: „Gerne gehe ich auf Ihren Vorschlag ein; würde ihn aber etwas variieren: Es wäre sicher besser, wenn Ihr Mitarbeiter, der für meinen Artikel verantwortlich zeichnet, mit mir zusammen den Artikel Absatz für Absatz durchgeht (er ist ja nicht besonders lang), um ihn auf Verständlichkeit zu überprüfen und ggf. Änderungsbedarf anzumelden. Sie wissen ja, der Autor sieht eigene Fehler weniger gut, als ein Leser. Und es ginge auch sehr schnell, jedenfalls schneller, als wenn ich mich selbst ohne Hilfestellung von außen korrigieren müsste. Ich würde mich auf einen Anruf Ihres Mitarbeiters freuen (040 – 429 05 428). Herzliche Grüße Franz Witsch.“

Danach Funkstille. Weder ein Wort von Jens Wernicke, noch dass sich ein Mitarbeiter bei mir meldete. Ich interpretiere die Angelegenheit dahingehend, dass die „Politisierung des Privaten“ generell nicht gut ankommt. Menschen setzen ihr Innenleben nicht gern der Beobachtung aus, wiewohl diese im Geheimen oder unausgesprochen unvermeidlich ist, einer Verbegrifflichen dennoch nicht zugänglich. Das Normale wähnt sich „normal“. Seine Innenausstattung, seine mögliche Beziehungsunfähigkeit, geht niemanden etwas an. Man stellt das Denken einfach ein oder spricht es einfach nicht aus, weil man, trivial aber wahr, sich schämt. Sicher, auch ich schäme mich, aber Gott sei Dank nicht genug, um diesen Brief nicht zu veröffentlichen.

Denn merke: Wir erreichen den Bürger für unsere Anliegen nicht nachhaltig, wenn wir seine private Existenz, sein und unser Innenleben, nicht politisieren. Mehr darüber später in T09 (Zur Innenausstattung sozialer Diskurse).

Herzliche Grüße

Franz Witsch

www.film-und-politik.de

Quellen:

BB168: Franz Witsch. Was wir von Greta Thunberg auch über uns lernen können.

http://film-und-politik.de/Politik/BB-bis200.pdf (S. 173)







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