"Kein Platz an der Sonne".


22.01.14
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Zur Geschichte Russlands im 20. Jahrhundert aus deutscher Sicht

Von Karl Wild

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts, 1905, als ein erster Vorbote der kommenden großen Revolutionen Russland im Gefolge des japanisch-russischen Krieges erschütterte, bekam die Alleinherrschaft der Romanows noch eine unverdiente Gnadenfrist. Aber ganz Europa war davon überzeugt, dass angesichts der Verhältnisse Russland überreif für eine große Veränderung sei.

Zu archaisch waren die Verhältnisse im Reich: Ein wirrer bigotter Despot herrschte über ein Riesenreich von 140 Millionen Einwohnern, wovon die übergroße Mehrheit in Lehm- oder Holzhütten auf dem Land dahinvegetierte. Der analphabetische "Muschik" war erst jüngst halbherzig der Leibeigenschaft entkommen und produzierte genug Weizen für den Export seiner adligen Herrschaften, die kultiviert französisch palaverten, aber ihren Untertanen das alltägliche Brot verweigerten. Kosaken mit ihren Säbeln sorgten dafür, dass die periodisch wiederkehrenden Revolten im Keim erstickt wurden und den Zwangsarbeitslagern und der sibirischen Verbannung nie das Menschenmaterial ausging. Russland war ein vom adeligen Großgrundbesitz geprägtes Land, in dem viele Völkerschaften zusätzlich zur sozialen unter kolonialer Unterdrückung stöhnten. Zwar hatten Eisenbahn und große Industrie dank ausländischer Kredite Einzug ins Reich gehalten, aber die industriellen "modernen" Kerne waren nur wie einige Sandkörner in einem Meer der barbarischer Rückständigkeit. Ernsthafte Forscher gehen davon aus, dass das zivilisatorische Niveau Russlands zu Beginn des 20. Jahrhunderts unter dem von Frankreich am Vorabend der bürgerlichen Revolution von 1789 lag.

Solche Verhältnisse zeugten unbarmherzige Revolutionäre und die entstehende sozialdemokratische Bewegung stand so international auf dem äußersten linken Rand und grenzte sich nur halbherzig von den terroristischen Methoden früherer kleinbürgerlicher oder adeliger revolutionärer Bewegungen ab. Die nach 1905 vom Zaren geduldete Duma war ein Scheinparlament und hatte weniger Einfluss auf die Geschicke des Landes als ein Wunderheiler der Zarin. Lenin, ein Kopf der neuen revolutionären Bewegung, prägte für die russischen Verhältnisse das Wort vom "schwächsten Kettenglied" des kapitalistischen Weltsystem, überreif sowohl der bürgerlichen als auch der sozialistischen Revolution.

Doch statt der allseits erwarteten Revolution trieb der Zar seine Bauernsoldaten zu Millionen in den Großen Krieg und in die Soldatengräber des Ersten Weltkrieges. Doch bald war das Sterben an den Fronten und der Hunger im Hinterland neuer Nährboden für eine revolutionäre Stimmung und im Februar 1917, spontan und über Nacht, brach das System zusammen und eine bürgerliche demokratische Revolution siegte mitten im Kriege. Zu der bestimmende Frage wurde die Haltung der Parteien zur weiteren aussichtslosen Kriegsführung, da die Massen nicht mehr bereit waren, länger Kanonenfutter für die adeligen Generäle abzugeben. Und die landlosen Bauern begannen, sich das Land ihrer Herren zu nehmen und die Herrenhäuser in Brand zu stecken.

Lenin und seine schnell wachsende "bolschewistische" Partei gewannen Schritt für Schritt die Mehrheit in den spontan entstanden Organen der Volksmacht, den Räten der Arbeiter, Bauern und Soldaten, und die Oktoberrevolution desselben Jahres 1917 - unter der Losung "Brot, Land und Frieden" - setzte in dem ausgebluteten und ausgehungerten russischen Reich nicht weniger als die sozialistische Weltrevolution auf die Tagesordnung der Geschichte.

Die Weltrevolution, die Lenin und alle Revolutionäre unmittelbar am Horizont sahen, blieb aus und damit mussten, nach langem Bürgerkrieg, ausländischer Intervention und großer Hungersnot, die russischen Revolutionäre auf sich allein gestellt mit einer Situation fertig werden, die hoffnungslos schien: Eingekreist von Feinden und in einem restlos zerrütteten Land ohne Proletariat und Industrie und einer agrarischen Produktion primär für den Eigenbedarf konnte nicht länger die Rede sein vom Aufbau einer neuen Gesellschaft. Lenin setzte auf die Marktwirtschaft der kleinen Produzenten und auf das Bündnis mit den Bauern und konnte so auf niedrigstem Niveau die Lage stabilisieren. Doch wie weiter?

1924 verstarb Lenin und sein ungeliebter Nachfolger Stalin setzte, die Politik seines kaltgestellten Rivalen Trotzki in die Praxis umsetzend, auf den "Sozialismus in einem Land" und auf eine "ursprüngliche sozialistische Akkumulation" der Forcierung der industriellen und städtisch-modernen Entwicklung auf Kosten der Bauern, die durch eine von Oben verordnete Zwangskollektivierung das Menschenmaterial für die Großprojekte der industriellen Fünf-Jahrespläne und die Zwangsarbeitslager stellten. Durch rücksichtsloseste Ausbeutung der Arbeit peitschte der zum Alleinherrscher aufsteigende Stalin den "neuen Menschen" in die Moderne.

Die Gleichzeitigkeit von begeisternder Kulturrevolution, die Entwicklung von Jahrhunderten in Jahren vornahm, und allumfassender Terror gegen die Gesellschaft wie gegen die eigenen Reihen mit Millionen Opfern ist eines der großen Geschichtsrätsel des 20. Jahrhunderts. Nach gut 10 Jahren Industrialisierung und Kulturrevolution war, dies steht fest, aus dem analphabetischen Bauernland eine moderne Industrienation geworden, gerüstet allen Feinden, um speziell den in Westeuropa auf dem Vormarsch befindlichen Faschismus die Stirn zu bieten. Um nicht zerschmettert zu werden, so eine Stalinsche Formulierung, rechtfertigte die überstürzte industrielle und gesellschaftliche Entwicklung der Sowjetunion, wie das Reich sich seit Anfang der 20er Jahre nannte, vorgeblich jedes Opfer.

Im Sommer 1941 kam mit dem Einfall der faschistischen Staaten unter Führung Hitlerdeutschlands der Ernstfall für die Überlebensfähigkeit des sowjetischen Systems und unter Aufbietung aller Kräfte, von 27 Millionen Toten und der Bildung einer Koalition mit den kapitalistischen Erbfeinden ging die Sowjetunion unter Führung Stalins als der große Sieger aus dem Zweiten Weltkriegs hervor und hatte halb Europa bis zur Elbe und zur Donau besetzt. Dort und in der Mandschurei auf der anderen Seite der Erdkugel, wo die Japaner vertrieben wurden, formte dieser Stalin nun ein kommunistisches neues "Rom" und nach der chinesischen Revolution herrschte der Stalinsche "Kommunismus" von Berlin in der Mitte Europas bis zum Stillen Ozean.

Der Preis für die gewaltsame Ausdehnung und die Beendigung der Isolation der Sowjetunion war der "Kalte Krieg" mit den Westmächten unter Führung der neuen Weltmacht USA und ein gigantischer, nun auch atomarer Rüstungswettlauf zu "Friedenszeiten" begann, der wiederum alle Anstrengungen und Mittel kostete, wo es galt, das durch die deutschen Truppen verwüstete und erschöpfte Land wieder aufzubauen. Doch dies gelang auch ein zweites Mal und 1953, dem Todesjahr des nun gottähnlichen Diktators, war die Sowjetunion die zweite Supermacht neben den USA.

Der Nachfolger Stalins, Nikita Chruschtschow, beendete den Terror im Innern des Reiches, setzte eine Entwicklung der Konsumgüterproduktion in Gang, die erstmals in der Geschichte den Massen bescheidenen Wohlstand brachte, und versuchte durch eine "Politik der friedlichen Koexistenz" mit den kapitalistischen Mächten, den Druck des Kalten Krieges zu mildern und die Atomkriegsgefahr zu bannen. Der Preis war der Verzicht auf die Weltrevolution und der Verlust des verbündeten Reiches der Mitte und damit der Einheit des Weltkommunismus.

Unter Leonid Breschnew stabilisierte sich für lange 20 Jahre sowohl die Weltpolitik als auch die Sowjetunion und es schien, als könnten unbegrenzt die beiden feindlichen Systeme friedlich nebeneinander existieren und jedes für sich höher entwickeln.

Doch das sowjetische System war trotz aller Erfolge morsch: Weder konnte die Landwirtschaft sich von den Erschütterungen der 20 und 30er Jahre nennenswert erholen und ausreichend für den Binnenmarkt produzieren noch die Industrie, deren Kapazitäten durch die gigantische Aufrüstung gebunden waren, genügend Konsumgüter herstellen. Zwar herrschte weitgehend soziale Sicherheit, war Bildung und Kultur selbstverständlich, doch der sowjetische "Sozialismus des ganzen Volkes", wie es unter Breschnew hieß, war durch die Anforderungen an eine Supermacht Sowjetunion zunehmend überfordert und Mitte der 80er Jahre, zu Breschnews Tod, steckte das Land in einer alles lähmenden Stagnation, einer alle gesellschaftlichen Bereiche umfassenden Krise. Ideologisch war die Sowjetunion mit ihrem kommunistischen Latein am Ende.

Der neue Generalsekretär der KPdSU, Michail Gorbatschow, wollte gleichzeitig innenpolitisch durch "Glasnost" die ideologische Lähmung überwinden und durch die "Perestroika" den ökonomischen und sozialen Niedergang aufhalten sowie außenpolitisch durch Zugeständnisse an den Westen, einschließlich der Aufgabe seiner europäischen Satellitenstaaten und von RGW und Warschauer Pakt, Bedingungen für eine Entwicklungsperspektive der Sowjetunion schaffen. Dies misslang gründlichst und die Historiker streiten sich darüber, ob der Gorbatschowsche Reformversuch eh von Anfang an zum Scheitern verurteilt war, wegen Unfähigkeit nicht gelang oder ob schlicht "Verrat" im Auftrag des Westens im Spiel war. Im Ergebnis ging nicht nur die Sowjetunion unter und löste sich in ihre nationalen Bestandteile auf, was auch als "Wiedergeburt Russlands" von interessierter Seite gepriesen wurde, auch der staatliche europäische Sozialismus und die regierenden kommunistischen Parteien Mittel- und Osteuropas verschwanden von der geschichtlichen Bühne und damit die jahrzehntelange "Systemalternative" zu "Marktwirtschaft und Demokratie".

Statt wie versprochen nach Wiedereinführung des Kapitalismus und der nachhaltigen erstmaligen Installation eines parlamentarisch-bürgerlichen politischen System in Russland wie Phoenix aus der kommunistischen Asche aufzusteigen, brach das wirtschaftliche und soziale Gefüge des Landes endgültig in der "Transformationsperiode" unter Boris Jelzin zusammen und ein neues großes Land der Dritten Welt mit Massenelend wurde aus dem von der Geschichte arg geschundenen Russland. Statt Weltmacht und "leading nation" eines Weltreiches gab Russland nun für kurze Zeit eine Statistenrolle auf den hinteren Plätzen der Weltpolitik ab. Denn Jelzins Nachfolger Wladimir Putin gelingt es, dank krisenbereinigender großen Krise in den 90er Jahren und anziehenden Energie- und Rohstoffpreisen auf den Weltmärkten, eine relative Stabilisierung und des Übergangs zu einer "normalen" kapitalistischen Entwicklung.

Glorreich mag diese Geschichte des russischen Volkes und Reiches durchaus sein, für die einfachen Menschen sprang nur für kurze Zeit, vielleicht zwischen 1960 und 1980 unter Chruschtschow und Breschnew, ein "Platz an der Sonne" oder ein normales Leben mit einem "Anrecht auf Glück" heraus. Mag Russland auch wieder einen gleichberechtigten Platz unter den Weltmächten unter Putin zurück gewinnen, schwerer wiegt der Verlust der kommunistischen Utopie und die Entzauberung des "neuen Roms".

Vgl. zu den Begrifflichkeiten und Personen www.wikipedia.org

Karl Wild 2005; korrigiert und bearbeitet 2014







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