Widerstand in Auschwitz [Teil IX]


Kongress-Verlag Berlin

03.02.15
AntifaschismusAntifaschismus, Theorie, News 

 

von Bruno Baum

[4. KAPITEL]

Wir informieren die Welt

Arbeit der Redaktion

Der Kamerad Heller musste sein Material am Ort seines Arbeitskommandos zusammenstellen und es dann an uns weiterleiten. Dazu benutzte er Zahnpastatuben, in denen sich die auf dünnem Papier geschriebenen Artikel gut verbergen ließen. Eine ähnliche Methode wandte auch Haas an. Die fertigen Arbeiten kamen danach zu mir und wurden meistens während der Nachtschicht in der kleinen Werkstatt der Wäscherei, in der ich vor Überraschungen sicher war, durchgesehen. Sicher deshalb, weil am Eingang zur Wäscherei ein Pförtner stand, der neben sich unter dem Regal einen Klingelknopf bedienen konnte. Bei einem Druck auf diesen Knopf ertönte in der Wäscherei eine Glocke und außerdem in der kleinen Werkstatt ein Summer, so dass bei Gefahr immer rechtzeitig gewarnt werden konnte. Von mir ging das Sendematerial zum Kameraden Cyrankiewicz, der es dann weiterleitete.

Ab Mitte 1944 haben wir mindestens zweimal in der Woche der Außenwelt berichtet. Nun wurden die Verbrechen von Auschwitz in der ganzen Welt bekannt. Es ist keine Übertreibung, wenn ich sage, dass der größte Teil der um diese Zeit überall in der Welt verbreiteten Veröffentlichungen über Auschwitz von uns stammten.

Wir durchkreuzten in diesen Tagen so manches Mal die tödlichen Absichten der politischen Abteilung, indem wir ihre Pläne der Öffentlichkeit übergaben. Gleichzeitig schickten wir Dokumente, die in unsere Hände gelangt waren, nach Krakau, um so die ganze Ungeheuerlichkeit der Massenvernichtung dokumentarisch zu beweisen. Ein tapferer polnischer Kamerad mit Namen David Szmulewski fotographierte unter Lebensgefahr den Prozess der Verbrennung von Vergasten. Auch diese Bilder gaben wir nach Krakau weiter.

Bis zum letzten Tage unseres Aufenthaltes in Auschwitz informierten wir auf diese Weise die Weltöffentlichkeit.

Auschwitzer Echo

In Krakau wurde die im Lager geschriebene Zeitung „Auschwitzer Echo“ herausgegeben. Mit dieser klärten wir die Krakauer Bevölkerung über die Schandtaten der SS im Konzentrationslager auf. Die Zeitung berichtete über die ungeheure Blutschuld der Lagerkommandanten Hoess, Baer und anderer sowie über die Schuld der Bluthunde Grabener, Schurz, Bogener und Lachmann von der politischen Abteilung, denen die Ermordung unzähliger Häftlinge aus allen Nationen – insbesondere aber aus Polen – nachgewiesen war. Die polnische Widerstandsbewegung sprach ihnen das Todesurteil aus und veröffentlichte es im „Auschwitzer Echo“. Außerdem wurde es den Banditen noch per Post zugestellt. Diese Maßnahmen riefen eine tiefe Unruhe unter den SS-Führern hervor.

Die Öffentlichkeit wusste nun um alle Verbrechen. Als die ersten Mitteilungen der ausländischen Rundfunkstationen über Auschwitz bekannte wurden, blieb zunächst noch alles ruhig. Später forderten die Nazibehörden in Berlin, dass die politische Abteilung durchgreife. Auf Grund der ständigen konkreten Angaben zweifelte man nicht daran, dass die Urheber dieser Mitteilungen nur im Lager selbst zu suchen seien.

Wie uns von Häftlingen, die es zufällig mit anhörten, berichtet wurde, äußerte sich der Chef der politischen Abteilung, Schurz: „Sie haben ja keine Ahnung, wie sehr das Lager durchorganisiert ist. Packen wir zu, bekommen wir meist nicht die Richtigen, aber die Welt erfährt sofort davon!“

Als dann aus Berlin Untersuchungskommissionen der Gestapo kamen, konnten auch sie uns nicht fassen. Die internationale Lagersolidarität hat das verhindert. In Krakau ließ der Generalgouverneur Frank Flugblätter verteilen, in denen es hieß: Die augenblicklich über Auschwitz verbreiteten Nachrichten sind Lügen. In Auschwitz ist alles in Ordnung.

Zweifellos hat unsere Arbeit mit dazu beigetragen, dass die SS-Banditen unsicher wurden und manche beabsichtigte Vergasung von Lagerinsassen unterblieb, und dies deswegen, weil wir die Öffentlichkeit vorher davon in Kenntnis gesetzt hatten.

Im Zusammenhang mit der bevorstehenden Offensive der sowjetischen Armee hörten die Massenvergasungen, deren letzte im Herbst 1944 durchgeführt wurde, auf. Dann begann die Demontage der Gaskammern und Krematorien. Die demontierten Teile wurden jedoch keineswegs vernichtet, sondern nach Groß-Rosen und Mauthausen geschickt.

Unsere Fluchtorganisation

In vielen Fällen war es notwendig, Kameraden außerhalb des Lagers zu bringen. Dafür gab es verschiedene Gründe: Entweder wurden sie von der Widerstandsorganisation draußen angefordert oder es bestand die Notwendigkeit, eine unterbrochene Verbindung neu zu knüpfen. Mitunter mussten auch solche Häftlinge aus dem Lager verschwinden, die durch organisierte Spitzeltätigkeit der politischen Abteilung unmittelbar bedroht waren. Es gab auch noch eine andere Kategorie. Diese Kameraden waren wegen illegaler Tätigkeit in den von den Nazis besetzten Ländern oder in Deutschland selbst verhaftet und, noch ohne Verurteilung, zunächst nach Auschwitz gebracht worden. Man musste damit rechnen, dass das Verfahren in ihrer Abwesenheit durchgeführt wurde und an die Lagerleitung dann der Auftrag erging, die Häftlinge zu vergassen. Viele von diesen Kameraden konnten wir rechtzeitig in Sicherheit bringen.

Im wesentlichen ging die Flucht folgendermaßen vor sich: Der Kamerad ging in ein Arbeitskommando, das außerhalb der kleinen Postenkette arbeitete. An dem für die Flucht vorgesehenen Nachmittag verschwand er dann in einem sogenannten Bunker. Das waren Versteckräume, die geschickt getarnt, sich vorwiegend in der Nähe des Bauhofs befanden; sie waren zu diesem Zweck von unseren Kameraden vorbereitet worden. Damit befand sich der Geflohene noch innerhalb der großen Postenkette. Wenn die Fluchtsirenen erschallten, meist geschah das bei der Entdeckung der Flucht vor dem Abendappell, musste der Flüchtling bereits im Bunker sein.

Einige Stunden wurde dann durch die SS unter Zuhilfenahme von deutschen Blockältesten und Kapos das Gelände abgesucht. Dabei ergab sich häufig das Kuriosum, dass gerade die Blockältesten, die sich der Widerstandsorganisation angeschlossen hatten, den Geländestreifen zur Untersuchung übernahmen, in dem sich der Flüchtling aufhielt. Durch diese Taktik wurde er erheblich geschützt.

Nach jeder Flucht blieb die große Postenkette drei Tage und drei Nächte stehen. Dann wurde sie nachts wieder eingezogen. In der vierten Nacht verließ dann der Kamerad sein Versteck und begab sich an eine vorher festgelegte Anlaufstelle außerhalb des Lagersystems, von wo er bei günstiger Gelegenheit weitertransportiert wurde.

Einmal passierte es uns in Birkenau, dass bei einer Flucht von drei Kameraden zwei erschossen und einer angeschossen wurde. Der Verwundete wurde sechs Wochen in einem „Bunker“ außerhalb der kleinen Postenkette von Angehörigen unserer Widerstandsbewegung gepflegt, bis er fähig war, das Lager ganz zu verlassen.

Die geflüchteten Polen und andere Kameraden erreichten fast alle ihren Bestimmungsort, teils in den Städten und zum Teil bei den Partisanen. Einige blieben auch beim Verbindungsapparat zwischen dem Lager und den Freunden draußen. – SS-Leute berichteten oft über Partisanenkämpfe, bei denen sie unter den Toten ehemalige Häftlinge gefunden hatten.

Von den anderen Kameraden wussten wir nur, dass sie wohlbehalten alle Anlaufstellen passiert hatten. Über einen österreichischen Kameraden erfuhren wir, dass die Nazis ihn in Warschau erschossen hatten. Ein anderer österreichischer Kamerad, Pepi Meisel aus Wien, war durch die Front hindurch bis nach Moskau gekommen.

Selbstverständlich wurden auch andere Möglichkeiten zur Flucht ausgenutzt. So gab es einige Fälle, in denen sich SS-Männer, die wir zur Mitarbeit gewonnen hatten, Passierscheine beschafften und am Tage mit zwei anderen Kameraden durch die Postenketten gingen.

Unsere Kameraden unter den Schneidern beschafften für einzelne Fälle auch Uniformstücke. Ebenso wurden Passierscheine gefälscht. Einige Male ist es geglückt, dass ein Häftling in SS-Uniform mit zwei Häftlingen in Gefangenenkleidung durch die Postenkette kam.

Ein tapferes Mädel, das mit einem Mann geflüchtet war, wurde nach einigen Tagen wieder eingebracht. Es war die Kameradin Malla. Sie sollte öffentlich durch Erhängen hingerichtet werden. Auf ihren Wunsch nahm man ihr die Fesseln ab. Sie öffnete sich sofort die Pulsadern und schlug mit den blutigen Händen den SS-Henkern ins Gesicht, die sie daraufhin ins Krematorium schafften und verbrannten.

Unser weiterer Weg

Die Front rückte immer näher, die Partisanenbewegung in Polen fand immer mehr Anhänger, und die Nervosität unter den SS-Leuten wuchs ständig.

Wir erfuhren, dass die Absicht vorlag, bei Annäherung der Front das ganze Lager zu vernichten. Schon fragte der Leiter der politischen Abteilung, Schurz, bei dem die Vergasung leitenden SS-Mann Moll an, wie er über die Vergasung der gesamten Lagerbelegschaft denke.

In Birkenau wurden täglich Häftlinge aus dem Lager vergast, nachdem die Sonderaktion Hoess (Vernichtung der ungarischen Juden) abgeschlossen war. Im Frauenlager C Birkenau gingen die Vergasungen in die Zehntausende. Das ganze Zigeunerlager wurde bis auf wenige Hundert Überlebende vernichtet. Auch die im Gemeinschaftslager untergebrachten privilegierten Juden aus Theresienstadt – fünftausend Männer, Frauen und Kinder – wurden bis auf zwei kleine Jungen in den Gaskammern umgebracht. Über Auschwitz lag wochenlang Tag und Nacht der Geruch von verbrannten Leichen. Die SS-Banditen brachten die aus den Krankenbauten zum Vergasen bestimmten Häftlinge zum Teil nicht mehr in die Gaskammern, sondern fuhren sie mit Kartoffelautos an brennende Gruben heran, kurbelten die Wagen hoch und ließen die Häftlinge lebend in die Flammen fallen.

All diese Schreckenstaten wurden im Lager bekannt, und es war klar, dass wir uns zu einer großen Aktion entscheiden mussten, wenn wir diese Dinge überhaupt noch überleben wollten.

Wir beschlossen den Aufstand

In der klaren Erkenntnis, dass es nunmehr keinen anderen Weg gab, beschlossen wir, den bewaffneten Aufstand vorzubereiten. Mit unseren Freunden in Birkenau, Budy usw. legten wir einen einheitlichen Plan fest und verstärkten die Waffensammlung. Von Kameraden außerhalb des Lagers wurde uns Sprengstoff zur Verfügung gestellt.

Wir sandten unsere Pläne, die im wesentlichen den Charakter eines Massenausbruchs erkennen ließen, nach Krakau und koordinierten unsere Absichten mit denen der Krakauer Kameraden. Nachdem diese ihr Einverständnis mit unseren Plänen ausgedrückt hatten, versprachen sie, uns zu unterstützen.

Mit den etwa einhundertvierzigtausend Häftlingen im gesamten Lagerbereich waren wir für die Partisanenbewegung ein äußerst wichtiger Faktor. Nach unserer Befreiung hätten wir gemeinsam mit den Polen den in Warschau schon zur Tatsache gewordenen Aufstand ins oberschlesische Gebiet tragen können.

Auf dem Rückweg wurde jedoch unser Kurier von SS-Leuten angeschossen und gefangengenommen. Man fand bei ihm die Pläne und transportierte ihn in den Krankenbau des Lagers. In den darauffolgenden Vernehmungen hat er viel Schweres ertragen müssen, hielt aber tapfer durch und verriet nichts.

Erst befürchteten wir, dass nach der Entdeckung unserer Pläne neue Massenvernichtungen von Häftlingen folgen würden. Das war jedoch nicht der Fall. Die SS ergriff aber nun unmittelbar solche Maßnahmen:

1. sofortige Verstärkung der Postenkette. Sogar die große Postenkette, die in weitem Umkreis um das Lager sonst nur am Tage stand und nachts eingezogen wurde, blieb einige Wochen hindurch die ganze Nacht stehen. Dadurch war das Lager Tag und Nacht von einer doppelten Postenkette umgeben.

2. genauestes Durchsuchen der Häftlinge, wenn sie nach der Arbeit wieder ins Lager einrückten,

3. Verstärkung der Spitzeltätigkeit gegen uns.

Erstaunlich war, dass selbst nach diesen Maßnahmen nichts hochflog und – außer den obengenannten – zunächst keine weiteren Vorkehrungen getroffen wurden. Später stellte sich jedoch heraus, dass die SS unsere Absichten auf andere Weise durchkreuzt hatte.

In kurzen Abständen wurden plötzlich mehrere tausend Polen nach Groß-Rosen geschickt. Ebenso begann die SS, einen großen Transport von Juden und anderen Häftlingen zur Arbeit in verschiedene Teile Deutschlands zu verschicken. In wenigen Wochen wurden Zehntausende abtransportiert. In Birkenau verblieben zweitweise noch rund fünftausend Männer und etwa fünfzehntausend Frauen. Im Stammlager Auschwitz befanden sich einschließlich der Frauenlager I und II noch etwa elftausend Männer und ungefähr fünftausend Frauen. Nur Auschwitz III Buna, der Betrieb der IG-Farben, die Kohlengruben, die meistens auch der IG-Farben-Gruppe gehörten, Bobrek, das dem Siemens-Konzern gehörte, und die große Krupp-Halle wurden ständig mit Häftlingsarbeitskräften versorgt und die für diese Konzerne verbrauchten in die Gaskammern getrieben und umgebracht.

Von der Belegschaft des Stammlagers waren zu dieser Zeit ungefähr die Hälfte neue Zugänge von ungarischen Juden. Manche von ihnen hatten noch vor kurzer Zeit auf deutscher Seite an der Ostfront gekämpft, und dementsprechend war zum Teil auch ihre Einstellung. Im Lagerleben noch sehr unerfahren, konnten sie zunächst für unseren Kampf nur wenig in Erscheinung treten. Das war selbstverständlich nur in der ersten Zeit so.

Mittlerweile gingen auch außerhalb des Lagers Veränderungen vor sich. Der Warschauer Aufstand war im Abebben. Bei Krakau hatte ein polnischer Partisanengeneral mit seiner Division ohne vorherige Verständigung mit anderen Kräften einen Angriff geführt, der als isolierter Akt scheitern musste. Der Vorstoß wurde von den deutschen Faschisten zerschlagen. Dadurch und auf Grund der Warschauer Verhältnisse war fürs erste der Aufstandswillen in Krakau und im oberschlesischen Gebiet erstickt worden.

Wir waren nun gezwungen, aus dieser neuen Lage unsere Schlussfolgerungen zu ziehen und erkannten, dass durch den massenhaften Abtransport von Polen – nur einige Hundert blieben im Stammlager – und Häftlingen aus anderen Nationen unsere militärische Kraft sehr geschwächt war.

Neue Taktik

Wir waren nun gezwungen, unsere Taktik zu ändern. Der Plan des Aufstandes wurde aufgegeben.

Wir sagten uns, wenn unsere Kraft nicht mehr zur Rettung der Lagerinsassen ausreicht, dann müssen wir bestrebt sein, einen Teil unserer besten Kräfte aus dem Lager hinauszuschaffen, um auf diese Weise zu versuchen, die Aufmerksamkeit auf unser Lager zu ziehen. Einzelne Kameraden sollten es versuchen, die Front der sowjetischen Truppen zu erreichen, um dort unsere Situation schildern zu können. Die endgültige Rettung konnten wir nur von ihnen erwarten.

Nun wurde die Reihenfolge der Ausbrüche aus dem Lager festgelegt. Als erste waren unser Freund Ernst Burger mit zwei Polen und einem SS-Mann vorgesehen und wenige Tage darauf noch andere Kameraden. In einer Woche sollten sich etwa zehn Freunde auf dem Weg nach draußen befinden.

Es war vereinbart, dass Heinz Dürmayer und ich bleiben sollten, um die Widerstandsarbeit im Lager nicht zum Erliegen kommen zu lassen. Auch Cyrankiewicz, der ursprünglich ebenfalls das Lager verlassen sollte, wurde von den polnischen Kameraden beauftragt zu bleiben.» {...}

Quelle: Bruno Baum: Widerstand in Auschwitz. Kongress-Verlag Berlin.

30.01.2015, Reinhold Schramm (Bereitstellung)


VON: BRUNO BAUM






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