Neuerscheinungen Kunst

14.02.20
KulturKultur, TopNews 

 

Buchtipps von Michael Lausberg

Buch 1

Nationalgalerie Staatliche Museen zu Berlin: Kampf um Sichtbarkeit. Künstlerinnen der Nationalgalerie vor 1919, Reimer, Berlin 2019, ISBN: 978-3-496-01634-2, 29,90 EURO (D)

Am 10. Oktober 2019 eröffnete die Sonderausstellung „Kampf um Sichtbarkeit. Künstlerinnen der Nationalgalerie vor 1919“ in der Alten Nationalgalerie auf der Museumsinsel. Sie ist noch bis Anfang März 2020 zu sehen. Vor genau 100 Jahren konnten die ersten Frauen ihr reguläres Kunststudium an der Berliner Kunstakademie aufnehmen. In der Ausstellung werden die Werke von Malerinnen und Bildhauerinnen in den Blick genommen, die es trotz aller Widrigkeiten in die Kunstöffentlichkeit geschafft und Eingang in die Sammlung der Nationalgalerie gefunden haben.

Der begleitende Katalog in deutscher Sprache stellt alle vor 1919 entstandenen Gemälde und Skulpturen von Künstlerinnen erstmals ausführlich vor. Zugleich wird eine Revision der Sammlung vor dem Hintergrund heutiger Diskurse um Gleichberechtigung vollzogen.

Nach Grußworten der Staatsministerin für Kultur und Medien und des Direktors der Nationalgalerie folgt eine kurze Einführung. Zwischen fünf Essays werden die Gemälde der Künstlerinnen gezeigt. Im ersten Beitrag beschäftigt sich Birgit Verwiebe mit den Malerinnen von 1780 bis 1880 in der Sammlung der Nationalgalerie. Anschließend stellt Ralph Gleis die Handlungsspielräume und Verwirklichungschancen von Malerinnen im Kaiserreich vor. Yvette Deseyve geht danach auf die Bildhauerinnen des langen 19. Jahrhunderts und deren Förderer in der Sammlung der Nationalgalerie ein. Dieselbe Autorin setzt sich danach mit verliehenen, verfemten und verlorenen Werken von Künstlerinnen der Nationalgalerie auseinander. Darunter fallen auch die Auswirkungen der nationalsozialistischen Kunstpolitik, infolgedessen Bilder aus der Nationalgalerie entfernt wurden. Nuria Jetter stellt noch die sozialen, ideellen und materiellen Voraussetzungen und die wechselnden Möglichkeiten und Schwierigkeiten dar. Danach folgen die alphabetisch sortierten Biografien der Künstlerinnen. Diese sind möglichst knapp gehalten und auf wenige als zentral erscheinende Informationen reduziert, eine Liste ihrer Ausstellungsbeteiligungen ist beigefügt. Unten sind noch wichtige Literaturangaben vorhanden.

Anschließend folgt ein Verzeichnis der vor 1919 entstandenen Werke sowohl der Malerinnen als auch der Bildhauerinnen der Nationalgalerie. Die Werke sind klein zu sehen, die dort abgedruckte Seitenzahl verweist zu dem Abdruck innerhalb des Buches. Ein Verzeichnis der verlorenen vor 1919 entstandenen Werke von Künstlerinnen wird danach präsentiert. Im Anhang findet man noch ein Literaturverzeichnis, ein Abkürzungsverzeichnis, ein Namensregister und den Abbildungsnachweis.

Hier wird ein heterogener Bestand von Werken namhafter und unbekannter Künstlerinnen präsentiert. Die hier gezeigten Gemälde, Skulpturen und Plastiken von Künstlerinnen sind meist großformatig zu sehen. Durch die Hintergrundessays werden die Probleme und der skeptische Blick von männlichen Kunstfunktionären auf die Frauen sichtbar, aber auch ihr innovatives Potential zur Eigenwahrnehmung und Glauben an ihre Fähigkeit. Die hier vorgestellten Biografien dienen nur als grober Überblick, anhand von der angegebenen Literatur kann man sich umfassender informieren.

 

Buch 2

Ruf des Progressiven. Jugendstil und Symbolismus im Museum Wiesbaden, Deutscher Kunstverlag, Berlin 2019, ISBN: 978-3-422-98137-9, 29,90 EURO (D)

Der Jugendstil fällt zusammen mit Wiesbadens goldenen Jahren als „Weltkurbad“ Ende des 19. Jahrhunderts, das Stadtbild prägt eine skulptural verzierte Architektur. Im Museum Wiesbaden ist ab 2017 die Privatsammlung des Stifters Ferdinand Wolfgang Neess zu sehen, die zu den wichtigsten des Jugendstils und des Symbolismus gehört. Der Kunstsammler hat sie aus Anlass seines 90. Geburtstags am 28. Juni dem Museum geschenkt.

Die 570 Exponate bilden einen Querschnitt durch alle Gattungen des Jugendstils und umfassen vor allem Möbelstücke, Glas, Gemälde, Lampen, Silber und Keramik. Hinzu kommt eine Vielzahl ebenso bedeutender Werke des Symbolismus. Zu den bedeutendsten Stücken der Ausstellung gehören mehrere Bilder Franz von Stucks, darunter das um 1908 gemalte "Die Sünde".

In dem für die neue Dauerausstellung umgebauten Südflügel des Museums sind sie auf rund 800 Quadratmetern in sieben Räumen zimmerartig als "Gesamtkunstwerk" zu sehen, wie sie Sammler Neess mehr als 40 Jahre lang in seiner Wiesbadener Jugendstilvilla zusammengetragen hat. Dies ist das Katalogbuch anlässlich der Schenkung von Wolfgang Neess an das Museum Wiesbaden.

Dieser wird eingeleitet mit zwei Essays über die Sammlung Neess, die eine der bedeutenden europäischen Privatsammlungen des Jugendstils und des Symbolismus darstellt. Danach folgt der Hauptteil mit ausgewählten Stücken aus der Sammlung. Dies geschieht jeweils auf einer Doppelseite: Name des Künstlers und weitere Daten und Fakten und eine ausführliche Beschreibung mit vielen Hintergrundinformationen sind auf der linken Seite zu finden, rechts ein großformatiges Bild des Objekts.

In verschiedenen Essays werden danach noch der Jugendstil in Wiesbaden, Hessen als Reformprojekt zur Entwicklung des Jugendstils und der Zusammenhang zwischen dem Henkell Sekt und dem Jugendstil beschrieben. Danach folgt ein Katalog von ausgewählten Objekten der Sammlung im Museum Wiesbaden außerhalb der Sammlung Neess. Anschließend folgt noch ein Essay über die Schenkung des Nachlasses von Hans-Henning von Voigt (1887-1969), der sich Alastair nannte.

Die Essays führen gut in die Sammlung im Museum Wiesbaden, die Sammlung Neess und Wiesbaden als Stadt des Jugendstils ein. Die Beschreibung der Exponate ist ausführlich und immer in Sinnzusammenhängen gehalten, die Abbildung scharf und großformatig.

Leider ist der Anhang sehr dünn: Nur den Bildnachweis findet man hier, einen Index, Literatur zum selbständigen Weiterlesen oder Zeitleisten des Lebens von Wolfgang Neess oder Alistair sucht man hier vergebens.

 

Buch 3

Bayrisches Nationalmuseum (Hrsg.) Hafnergeschirr aus Altbayern, Deutscher Kunstverlag, Berlin 2019, ISBN: 978-3-422-07461-3, 58 EURO (D)

Hafnerei ist eine Form der Töpferei zur Herstellung von Keramik, bei der hauptsächlich Gegenstände aus Ton/Lehm geformt, getrocknet, dekoriert und gebrannt werden, wodurch die keramischen Endprodukte hart und teilweise wasserfest werden. Der Begriff findet auch allgemeine Verwendung für den Herstellungsprozess von Keramikprodukten oder Erzeugnissen wie Vasen, Krügen, Töpfen, Schalen oder Schüsseln. Das Bayerische Nationalmuseum verzeichnet den wohl wichtigsten Bestand an Hafnergeschirr aus Altbayern. Die Sammlung von Hafnergeschirr zeigt Töpferwaren für Küche und Vorratshaltung aus den wichtigsten Herstellungsregionen Bayerns und aus einigen österreichischen Zentren. Unterschiedliche Tonqualitäten und Brennverfahren haben – ebenso wie die regionaltypische Gestaltung der Geschirre – Schüsseln, Teller, Töpfe, Kannen und Krüge entstehen lassen, die für ihre jeweilige Herkunft charakteristisch sind.

Dieses Buch ist ein Standardwerk zur Keramikforschung in Bayern. Es erscheint in der dritten neu bearbeiteten Auflage. Die Themenbereiche Sammlungsgeschichte und Provenienzen wurden hinzugefügt, neu identifizierte Herstellungsorte präzisieren die Zuweisungen und erweitern den Kenntnisstand zur Verbreitung der lokalen und regionalen Hafnerei in Altbayern. Das Gebiet Altbayern setzt sich in seinem Kern aus Oberbayern, Niederbayern und der Oberpfalz zusammen, mit einer breiten Überlappungszone nach Österreich. (S. 19) Der Katalog behandelt aus diesem Grund nicht nur aus Altbayern, sondern auch aus Niederösterreich, Kärnten, der Steiermark und Südtirol.

Nach einer längeren Einleitung wird auf die Hafnerei in Altbayern, den geografische Raum der Untersuchung, den Forschungsstand eingegangen. Die Geschichte der Hafnerei in Altbayern wird dann behandelt, bevor das Hafnergeschirr im Mittelpunkt steht. Im Folgenden werden Merkmale der Form, des Dekors, die keramische Form und ihre Messung, die Messwerte und abgeleitete Kenngrößen sowie die verschiedenen Gefäßformen beschrieben.

Der Katalog folgt einer einheitlichen Systematisierung: Jedes Gefäß wird mit dreierlei Bezeichnungen versehen: eine wissenschaftliche, eine zur Erklärung der Verwendung und eine umgangssprachliche. Es werden weiterhin geographische Angaben gemacht, möglichst unter Einbeziehung der Werkstatt, und zur Datierung. Danach folgt eine Beschreibung. Die aus drei Gruppen besteht: der Form einschließlich der plastischen Veränderungen als Dekor, den Scherben, der Glasur in Technik und Aussehen einschließlich des malerischen Dekors und seines Inhaltes. Die Maße, der Erhaltungszustand und der Zeitpunkt des Erwerbes werden ebenfalls vorgestellt. Zu jedem Objekt gibt es ein Farbbild zur besseren Unterscheidung und Visualisierung. Der Katalog wird sowohl nach Gebieten als auch nach Werkgruppen geordnet. Davor stehen jeweils Einleitungstexte, in den die bekannten und wichtig erscheinenden Einzelheiten zusammengefasst sind.

Im Anhang findet man noch ein Literaturverzeichnis, die Konkordanz der Inventar- und Werknummern, ein Abkürzungsverzeichnis, ein Ortsregister und ein Bildnachweis.

Vielen Menschen ist die Hafnerei wahrscheinlich kein Begriff mehr. Von daher ist dies ist ein grundlegender Beitrag zu lokalen Traditionen und ethnologischen Besonderheiten im Töpfereiwesen, hier bezogen auf Altbayern. Regionales Kunsthandwerk wird hier zentralen historischen Töpferregionen und Zentren zugeordnet. Das Buch ist mit viel Mühe und Aufwand mit Liebe zum Detail entstanden. Verschiedene Geschirrgruppen und ihre speziellen Werkstätten werden hier ausführlich dargestellt, ebenso wie die tradierten Verfahren.

 

Buch 4

Marie Christine Jadi: Helene Schjerfbeck und Gwen John. Der Ausdruck von Emotionen in der Malerei der Moderne, Reimer, Berlin 2017, ISBN: 978-3-496-01572-7, EURO (D)

Dies ist die überarbeitete Fassung der am Institut für Kunstwissenschaft und Ästhetik der Künste der Universität der Künste in Berlin 2015 eingereichten Dissertation von Marie Christine Jadi. Sowohl die finnisch-schwedische Künstlerin Helene Schjerfbeck (1862-1946) als auch die walisische Künstlerin Gwen John (1876-1939) hofften im Inneren ihres Seele etwas zu entdecken, was sie mittels ihrer Malerei sichtbar machen könnten. Es ist unwahrscheinlich, dass die beiden Künstlerinnen von der Existenz oder Werken der jeweils anderen wussten. Nur drei vage Berührungspunkte werden genannt: der Besuch derselben Académie Colarossi in Paris, wenn auch mit zeitlichem Abstand, ein kurzfristiger Aufenthalt in Meudon und die finnische Künstlerin Hilda Flodin, die beide kannte. Gemeinsamkeiten erschließen sich aus eher aus anderen Dingen: „Beide Künstlerinnen verbindet (…) ihr früh sich zeigendes künstlerisches Talent, ihr geschwächter gesundheitlicher Zustand, ihre ominösen Anfangsjahre in einer von Männern dominierten Künstlerwelt, ihre Studienjahre in Frankreichs des fin de siecle sowie der darauf folgende Exodus in die relative Abgeschiedenheit, in der ein zurückgezogenes Arbeiten abseits des Treibens der großstädtischen Kunstwelt die Ausbildung ihres jeweiligen künstlerischen Selbstbewusstseins sowie ihrer höchsteigenen Ausdruckshaltung mitprägte.“ (S. 14)

Die Arbeit setzt die beiden Künstlerinnen erstmals in einen Zusammenhang. Unter der Beachtung der Materialbehandlung, Komposition sowie Rekonstruktion der Einzelschritte der Realisation geht es um die bildhermeneutische Analyse des affektiven Ausdrucksphänomens. Die Arbeit möchte einerseits die in der deutschen Kunstgeschichte wenig beachteten Künstlerinnen und ihre Arbeiten näher vorstellen und andererseits einen Beitrag zur kunstwissenschaftlichen Emotionsforschung leisten.

In der Einleitung gibt die Autorin einen ersten Einblick in die Emotionalisierung der Kunst um 1900 und Gefühl und Stimmung als leitende Kategorien des Ausdrucks im historischen Kontext. Es folgen Überlegungen zum Ausdrucksbegriff von Henri Matisse, Maurice Merleau-Ponty und Max Imdahl, die alle von einem ganzheitlichen Bildbegriff ausgehen und Ausdruck als ein schöpferisches Handeln verstehen. Darauf aufbauend werden je in eigenen Kapiteln ausgewählte Bilder der beiden Künstlerinnen nach dem Phänomen des künstlerischen Ausdrucks von seelischen Affektionen, von Gefühl und Stimmung untersucht. Es werden Bilder der einzelnen Werkgruppen bzw. Schaffensphasen beider Künstlerinnen exemplarisch herausgegriffen und mithilfe von kunsthistorischer, kunstwissenschaftlicher, philosophischer und psychologischer Axiome analysiert. Die Ergebnisse der Arbeit werden thesenartig in einem Schlusskapitel zusammengefasst. In tabellarischer Form werden danach noch wichtige Stationen ihrer Biografie abgedruckt. Im Anhang findet man noch ein kurzes Abstract, ein Abbildungsverzeichnis, ein Literaturverzeichnis und einen Tafelteil.

Folgende Ergebnisse brachte die Untersuchung zutage: Sowohl Helene Schjerfbeck als auch Gwen John kehrten nach einigen Jahren dem großstädtischen Treiben den Rücken zu und wählten ein Leben in relativer Abgeschiedenheit, beschäftigten sich aber weiterhin mit aktuellen Entwicklungen. Dieser Rückzug ermöglichte ihnen ein Besinnen auf sich selbst, eine Konzentration auf ihr Inneres. Dies schlug sich in ihren Arbeiten nieder, wo die beiden zu einem neuen, vereinfachten Stil fanden. In ihrer künstlerischen Herangehensweise verband die beiden vielmehr die Suche nach einer ausgewogenen, harmonischen Erscheinung ihrer Bilder, in denen sie bevorzugt Mädchen oder junge Frauen im häuslichen Interieur zeigten: „Mittels einer reduzierten, aufeinander abgestimmten Form- und Farbgebung, eines vereinheitlichenden Farbauftrags sowie unscharfer Konturen gelang es ihnen, ihre Bilder auf einen Grundton abzustimmen, der in den meisten ihrer Arbeiten eine Stimmung kontemplativer Ruhe und melancholischen Nachsinnens evoziert. In den auf diese Art entstehenden Stimmungsräumen gehen Figur und Raum eine Verbindung ein und wirken im Sinne Rilkes zu einem Weltinnenraum. Der Bildraum wird dadurch letztlich entgrenzt und die Darstellung gestaltet sich wie aus einem großen Fluss herausgelöst zu einer individuellen Momentaufnahme.“ (S. 220)

Die Untersuchung ist logisch aufgebaut, liefert präzise Bildanalysen und Schlussfolgerungen und enthält viele Sekundärquellen. Hinter jedem Kapitel gibt es eine Zusammenfassung, was das Lesen erleichtert. Es verwundert allerdings ein wenig, warum den kunsthistorischen, kunstwissenschaftlichen, philosophischen und psychologischen Axiome bei der Bildanalyse nicht noch der literarische Aspekt und die dort verwendeten Symboliken hinzugezogen wurde.

Künstlerische Äußerungen des Inneren, eingebettet in eine eigene Welt, eine immer spürbare Melancholie ist in allen der hier gezeigten Bildern spürbar. Die Selbstbildnisse bei Helene Schjerfbeck erschrecken zum Teil. Hier werden keine selbstbewussten und charismatischen Menschen gemalt, sondern eher Personen in ihrer Fragilität. Dies erstaunt etwas, denn Künstlerinnen mussten sich um die Jahrhundertwende schon bei ihrer Ausbildung auf ihrem Weg zu Akzeptanz vielfältigen Problemen und dem skeptische Blick von männlichen Kunstfunktionären erwehren, wodurch auch ihr innovatives Potential zur Eigenwahrnehmung und Glauben an ihre Fähigkeit gestärkt wurde.

 

Buch 5

Kerstin Borchhardt: Böcklins Bestiarium. Mischwesen in der modernen Malerei, Reimer Verlag, Berlin 2017, ISBN: 978-3-496-01565-9, 49 EURO (D)

Arnold Böcklin war einer der Hauptvertreter des deutschen Symbolismus, der mit der dominierenden akademischen Malerei und dem vorherrschenden Naturalismus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts brach. In dieser Zeit vollendete er seinen unverkennbaren Stil mit den deutlichen Konturen und der intensiven Leuchtkraft seiner Farben, durch die er in seinen Gemälden eine Welt von mythologischen Fabelwesen, Mischwesen aus Mensch und Tier, veranschaulichte.

In ihrer Dissertation ordnet Kerstin Borchhardt seine Hybriden-Darstellungen motivgeschichtlich ein und stellt sie in den Kontext von im 19. Jahrhundert geführten Diskurse um die Rezeption antiker Mythen, gesellschaftliche Stereotypen und die Entstehung der Evolutionstheorie. Es geht um eine systematische Erschließung des anthropo-zoomorphen Mischwesens des Schweizer Males und eine Analyse ihrer kulturtheoretischen Relevanz.

Bei den meisten von Böcklins Mischwesen handelt es sich um anthropo-zoomorphe Hybride, Wesen mit einem weitgehend menschlichen Oberkörper und einem tierischen Unterleib. Zunächst stellt sie in Form eines Katalogs die Hybridvorstellungen dar, wobei ein Schwerpunkt auf die Motiventwicklungen und die formalen wie inhaltlichen Bezüge zwischen den einzelnen Werken Böcklins gelegt wird.

Auf diese Erkenntnisse aufbauend folgen systematische Analysen, die der Frage nach der Funktion des Mischwesens innerhalb von Böcklins Kunst und der Motivgeschichte nachgehen. Dabei spielt das Phänomen des Mythischen im Spannungsverhältnis von Personifikation, Tradition und Aktualisierung eine wesentliche Rolle. Sie unterscheidet drei unterschiedliche Dimensionen des Mythischen, die in einzelnen Kapiteln dargelegt werden.

Die erste Dimension ist die psychologisch-ästhetische Relevanz, bei der Mythos als eine besondere gestaltgebende Disposition des menschlichen Bewusstseins fungiert. Dabei wird ein Vergleich mit der Kunstauffassung Friedrich Theodor Fischers behandelt und analysiert, welche Rolle die mythische Personifizierung in Böcklins Werken spielt.

Bei der zweiten Dimension bildet der Mythos eine kulturelle Grundlage, deren Spuren quer durch die Historie in späteren Dimensionen und Phänomenen immer wieder hervorkommen. Dort wird die These vertreten, dass Böcklin mittels des mythopoietischen Verfahrens das Persönliche als etwas Überpersönliches erscheinen lassen will, das eine über das Individuum hinausgehende Relevanz besitzt. Durch den Rückgriff auf antike Vorbilder erstreckt sich diese Transformation nicht nur auf seine eigene zeitgenössische Kultur, sondern auf die Anfänge von Geschichte.

In der dritten Dimension geht es um die monströse Synthetik von Fragmenten. Intensive Tierbeobachtungen inspirierten Böcklin zu einigen seiner Mischwesen. Böcklin vermenschlichte seine Geschöpfe, um ihre Fremdartigkeit zu mindern und sie so für das Publikum vertrauter erscheinen zu lassen. Seine Mischwesen erscheinen als simultane Verdichtung verschiedener Augenblicke der Evolution des Lebens und der Kultur: „Ähnlich wie der Künstler in seinen Hybriden unterschiedliche Momente der Naturgeschichte verschmilzt, führt er durch den Rückgriff auf motivische Vorbilder aus der Antike und der Neuzeit, die er mit ästhetischen und weltanschaulichen Ideen der Moderne verbindet, auch disparate Momente der Kulturgeschichte zusammen. Aus diesem Grund schließen die mythologische und die darwinistische Interpretation von Böcklins Werken einander nicht aus, ganz im Gegenteil: Sie komplettieren einander im Konzept der ‚mythopoietischen Verdichtung‘ von Geschichte.“ (S. 211)

Borchhardt entwickelt eine Theorie des Monströsen, das durch Ambiguität, Synkretismus und Liminalität gekennzeichnet ist. Die Mischwesen fungieren dabei als künstlerischer Ausdruck einer durch Unordnung, Synthesen und Dissonanzen gekennzeichnete Welt und deren Auffassung.

Anschließend gibt sie einen kurzen Überblick über die Rezeptionsgeschichte der Mischwesen Böcklins und den Referenzen in der Kulturgeschichte.

In ihrem Ausblick geht sie auf die filmische Adaption von Böcklins Werken ein und deutet sie als wichtigen kulturellen „Marker“ für die Darstellungstradition des Mischwesens bis in die heutige Zeit. (S. 245)

Im Anhang findet man noch einen motivisch-chronologischen Katalog der nachweisbaren Mischwesendarstellungen, eine Bibliografie, ein Abbildungsverzeichnis und die Farbtafeln.

Dies ist die wohl ausführlichste und systematischste Beschäftigung mit Böcklins Mischwesen und deren Hintergrund. Die Autorin kombiniert in ihrer Arbeit die kulturhistorisch- mythologischen sowie biologisch-evolutionistischen Blickwinkel, was neue Erkenntnisse und Anregungen hervorbringt. Die Hybriddarstellungen Böcklins haben eine lange Wirkmächtigkeit in der Kunst und der populären Kultur sowie im Film, wie die Autorin treffend herausarbeitet. Insgesamt eine fundierte, argumentativ aufeinander aufbauende und arbeitsintensive Darstellung, lediglich eine Zeitleiste im Anhang über Böcklins Leben und Werk fehlt hier.

 

 







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