The Mask of Anarchy oder Freiheit und Democracy


18.06.19
KulturKultur, Theorie, TopNews 

 

Wir sind viele – sie sind wenig ...

Buchvorstellung von Wilma Ruth Albrecht

Als Jeremy Bernhard Corbyn als britische Gewerkschaftsfunktionär und Labourpolitiker im Juni 2017 auf dem Gladstonbury Music Festival sprach[1], zitierte er unter tosendem Beifall die Schlußstrophe von Percy Bysshe Shelleys „The Mask of Anarchy“ (S. 163)

„Rise like Lions after slumber

In unvanquishable number --

Skake your chains to earth like dew

Which in sleep ha´d fallen on you --

Ye are many – they are few.“[2]

Den letzten Vers nahm auch Georg Herwegh (1817-1875) zum Motto für das von ihm verfasste „Bundeslied für den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein“ (1863)[3], eine der Vorläuferorganisationen der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD).

So gesehen, gehören Poeme des englischen Dichters Percy Bysshe Shelley (1792-1822) nicht nur zum Kulturgut der englischen Arbeiterbewegung. Sondern auch zur deutschen und ihrer jungen, aufstrebenden Sozialdemokratie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Im heutigen Deutschland mit seinem so oberflächlichen wie marktgängigen Kulturrelativismus, seinem wahnhaftem Irrationalismus und seiner triumphalischen Häßlichkeit soll ein feinsinniger Verseschmied mit aufklärerischem Impetus keinen Platz haben.

Gut und richtig also, dass Heiner Jestrabek dagegenhält, kontraktpunktisch an Shelley erinnert und einige seiner Dichtungen sowohl im Original als auch in (alter) deutscher Übersetzung wieder zugänglich macht.

Der Band ist übersichtlich aufgebaut: Als Motto sind Verse aus dem siebten Teil des Verspoems „Feenkönigin Mab“ - „Here is no God!“ - sowie Herweghs Gedicht „Shelley“ (1841) vorangestellt (S. 6). Dann folgt eine von Heiner Jestrabek verfasste, mit zahlreichen zeitgenössischen Abbildungen illustrierte „Einführung“ zu Percy Bysshe Shelley (S. 7-32).

Der folgende Dokumententeil enthält eine Übersetzung des 1811 publizierten vollständigen Textes von Shelleys „The Necessity of Atheism“ (Die Notwendigkeit des Atheismus) (S. 33-47), seine „Queen Mab. Philosophical Poem with Notes“ im englischen Original sowie in deutscher Übersetzung (S. 48-158) und sein schon erwähntes Gedicht „The Mask of Anarchy. Written on the Occasion of the Massacre of Manchester 1819“ (S. 159-169). Den Band rundet ein Literaturverzeichnis (S. 170-171) ab. 

Percy Bysshe Shelley war und ist neben George Gordon Byron (Lord Byron) (1788-1824) und John Keats (1795-1821) ein  bedeutender Dichter der englischen Romantik. Er wurde im südenglischen West-Sussex als Sohn eines reichen Grundbesitzers und Parlamentsabgeordneten der Whigs geboren, erhielt eine exklusive Schulbildung, entwickelte schon früh literarische Neigungen und später auch philosophische Interessen, die ihn zum Atheismus führten. Nach der Veröffentlichung von „The Necessity of Atheism“ (1810/11) wurde er der Universität verwiesen und lebte zunächst recht  mittellos in London. Dort verfaßte er 1811 die 1813 veröffentlichte utopische Verserzählung „Queen Mab“. (Die Feenkönigin Mab gilt als Symbol der Freiheit.) Im Poem wird „eine dichterische Vision von der Zukunft der Menschheit […] als Perspektive zur Überwindung von Monarchie und Priestertum hin zu einer freien Gesellschaft“ (S. 11) entworfen. „Queen Mab“ galt später - so der Literaturwissenschaftler Hans-Peter Ecker  - als „´Kultbuch´ der Arbeiterbewegung“ (S. 12).

Shelley heiratete 1811 die erst fünfzehnjährige Harriet Westbrook, die sich 1816 durch Suizid das Leben nahm. In diesen Jahren engagierte sich der Dichter 1811 in Dublin für das Selbstbestimmungsrecht der Iren und wohnte anschließend in Südwest-England und in Wales. Dort veröffentlichte Shelley „A Letter to Lord Ellenborough“ (1812), eine Verteidigungsschrift für den wegen Religionskritik verurteilten Verleger Daniel Isaac Eaton (1753-1814).

Nach einem Anschlag auf ihn zog Shelley 1813 wieder nach London. Dort legte er mit „A Refutation of Deism“ (1814) ein öffentliches Bekenntnis zum Atheismus ab und lernte  William Godwin (1756-1836), einen radikalen Anhänger der Französischen Revolution und anarchistischen Frühsozialisten, kennen. Und verliebte sich in dessen sechzehnjährige Tochter Mary (1787-1851), die er zur Jahreswende 1816/17 heiratete. Mary Goodwin, später Shelley [auch  Mary Wollstonecraft Shelley] wurde eine erfolgreiche Schriftstellerin, etwa von Schauergeschichten wie Frankenstein (1818) und historischen Romanen. Sie edierte auch Shelleys erste Werkausgabe.

1816 bereisten Shelley und Mary Frankreich und die Schweiz, wo sie beide im Kreis von Lord Byron auf der Villa Diodati weilten und literarische angeregt wurden. Nach London zurückgekehrt, verkehrten die Shelleys mit progressiven englischen Schriftstellern wie Thomas Love Peacock (1785-1866), Leigh Hunt (1784-1859), William Hazlitt (1778-1830) und dem früh verstorbenen John Keats (1795-1821).

In den ersten drei Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts befand sich England in wirtschaftlichem, sozialem und politischem Umbruch, zusätzlich angetrieben durch die napoleonische Expansions- und Reformpolitik. Die Kontinentalsperre förderte im Innern des Landes die Industrialisierung und außenpolitisch die wirtschaftsimperiale Expansion. Dies führte zu großen sozial-politischen Unruhen und erzwang Reformen. In diesen Auseinandersetzungen engagierte sich Shelley mit „An Adress to the People on the Death of the Princess Charlotte“ (1817) für eine Wahlrechtsreform und solidarisierte sich mit den streikenden Arbeiter der Baumwollindustrie in Manchester im August 1819 mit „The Mask of Anarchy“.

Die kommenden Jahre verbrachten die Shelleys im italienischen San Guiliano, Livorno und Pisa, wo sich um Keats, Shelley und Byron ein fester Freundeskreis von idealistischen Freiheitskämpfern für die nationale Unabhängigkeit von Italien, Griechenland, Spanien und zur Unterstützung sozial unterdrückten Schichten im Vereinigten Königreich gebildet hatte. Dort erarbeitete Shelley auch seine lyrischen Dramen „Prometheus Unbound“ und „Hellas“.  Am 8. Juli 1822 verstarb Shelley, erst 29jährig, überraschend bei einer mit zwei Freunden unternommenen Segelschifffahrt vor Livorno.

Engagierte ganzdeutsche Linkspolitiker müssen nicht unbedingt Shelleys Ye are many – they are few zitieren können. Aber verkehrt wär´s nicht, wenn sie wenigstens einige Verse von Bertolt Brechts Poem „Der anachronistische Zug oder Freiheit und Democracy“ (1947)[4], das sich an Shelleys „The Mask of Anarchy“ anlehnt, wiedergeben könnten. Oder wenn auf politischen Versammlungen öffentlich wenigstens einige Verse der Variation des Brechtpoems durch Franz Josef Degenhardt[5] angestimmt würden:

„Dann die Laien-Ideologen

bunt und lustig angezogen:

Werbeleute, Intendanten,

Redakteure, Obskuranten,

die sich krumm prostituierten

und für alle Herren schmierten,

die Bestechungssummen boten.

Die mit ihren feuchten Pfoten

lobten laut das freie Wort,

hochbezahlt an jedem Ort.

Freiheit.“

 

Percy Bysshe Shelley: „There Is No God“. Religions- und Herrschaftskritik. Hg. Heiner Jestrabek. Reutlingen: Verlag Freiheitsbaum; edition Spinoza, 2019, 171 Seiten, 14 €, ISBN 978-3-922589-71-6 [Seitenabgaben hiernach].

 


[2]„Auf wie aus dem Schlaf der Leu,

     Schüttelt ab der Tyrannei

     Joch, wie leichten Morgentau,

     das im Schlummer auf euch fiel:

      Sind sie wenig, ihr seid viele!“ (S. 169: Übersetzung von Julius Seybt 1844)

 

[3]Herweghs Werke in einem Band. Ausgewählt und eingeleitet von Hans-Georg Werner. Berlin-Weimar: Aufbau-Verlag, 1967, S. 232f.

[4]Bertolt Brecht: Der anachronistische Zug oder Freiheit und Democracy. In: ders., Gesammelte Werke Band 10. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1967, S. 943-947

 







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