Über den Begriff Kontextualisierung (Verbindungen herstellen)


Bildmontage: HF

02.06.14
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von Franz Witsch

Wir wollen die Welt so sehen, wie sie ist, und uns nicht davor fürchten (Bertrand Russel)

Kapitel 3: Ansatz zur psychoanalytischen Fundierung des Verhältnisses von Subjekt und Gesellschaft

Das Subjekt kontextualisiert: „zerlegt (analy- siert) und rekonstruiert (...) unaufhörlich“ (DPB, 13), wenn es interagiert; im Vorfeld der Interak- tion ist dies die wesentliche Aufgabe des Innen- lebens, die – genauer – darin besteht, eine Verbindung zum gesellschaftlichen Kontextes herzustellen (DP4, 212), mithin dafür zu sorgen, dass diese nicht abbricht – psychisch gestört dann, wenn das Subjekt einen Bezug zur sogenannten „normalen“ sozialen Realität nicht mehr herzustellen vermag, für diese nicht mehr erreichbar ist.

Von Erreichbarkeit kann man sprechen, solange es eine Verbindung wenigstens imaginär, vermittelt über einen inneren Monolog, gibt, der, sich selbst genug, bewusst-systematisch auf einen ihn überprüfenden „realen“ sprachgestützten interaktiven Kontext nicht verweist, bzw. sich diesem entzieht, vorauseilend, wenn im Subjekt das Gefühl hochkommt, dass eine im inneren Monolog gewonnene „Wahrheit“, zur Idealität stilisiert, sich an jenem interaktiven Kontext bricht, also nicht bewahrheiten würde. Dann lieber (tot) schweigen, sich zurückziehen, privatisieren – bis, ja bis die Luft wieder rein ist: Überprüfungsvorgänge mit anderen, besseren, lieberen, willigeren Menschen wieder vorhersehbare Ergebnisse bringen. Ich möchte in diesem Zusammenhang – frei nach Lacan – von „leerer Rede“ (BIC-DES, 129) sprechen, einem „leeren Sprechen“, ohne dabei Lacans Wahrheitsbegriff zu folgen, den er konzeptionell allein im Innenleben des Subjekts verortet sieht (aaO, 137).

In einem vergleichbaren Kontext spreche ich von Rationalisierungswahn (DP2, 176f): „Mit jemandem zu reden ist so, als redete man mit sich selbst (...) in einer quasi-imaginativen Gefangenschaft ohne wirkliche Rede und Gegenrede. Die sind bis in kleinste Textbausteine vorhersehbar mit der Folge, dass der ängstliche Sozius sein Innenleben mit dem Sozialstrukturellen kurzschließt.“ (DPB, 139)

Ich würde eine rationalisierungswahnsinnige Auseinandersetzung „subjektivistisch“ nennen; sie läuft darauf hinaus, dass das Subjekt eine Verbindung zu außersubjektiven sozialen Strukturen unbewusst, naturwüchsig, quasi-automatisch, wie von selbst erzeugt, wie ein Köter gleichsam erschnüffelt, mit anderen Worten: erzeugt ohne „realen“ Außenbezug, sprich: definitiven Gesellschaftsbegriff (WIF-SUL), der eine bewusst erzeugte wie spannungsgeladene Verbindung des Innenlebens zum gesellschaftlichen Kontext einschließt, aus der heraus ein begrifflicher Schnitt zwischen Subjekt und sozialer Struktur auf der einen und gesellschaftlichem Kontext auf der anderen Seite erkennbar ist (WIFSUL).

Im Falle einer unbewusst erzeugten Verbindung gehen soziale und gesellschaftliche Praxis (interaktiver Kontext) begrifflich zusammen; mehr noch: soziale wie gesellschaftliche Praxis sehen sich reduziert auf einen inneren Vorgang, der es instinktiv ablehnt, seine Inhalte an jener Praxis zu überprüfen, die

Kapitel 3: Ansatz zur psychoanalytischen Fundierung des Verhältnisses von Subjekt und Gesellschaft sich zum Leidwesen des Subjekts beständig ändert – unvorhersehbar. Das Subjekt gewahrt nicht, dass sich diese ohnehin eines Tages seinem Innenleben aufdrängt, dann aber unvorbereitet für das gleichsam schlafwandelnde Subjekt, in Gestalt winziger Anlässe, auf die das Innenleben dann nur noch überfordert, ggf. gewalttätig, also dann nicht nur passiv, sich zurückziehend oder psychisch gestört zu reagieren vermag.

Kriege oder ganz generell Gewaltexzesse beginnen so, etwa der Erste Weltkrieg, aufgrund relativ nichtiger Anlässe, die eine komplette kommunikative Überforderung erkennen lassen, und darüber hinaus erkennen lassen, dass Menschen schon immer und keineswegs harmlos ohne einen (definitiven) Gesellschaftsbegriff interagieren, der sich erkennbar vom Subjekt-Begriff und vom Begriff der sozialen Struktur, in der Menschen unmittelbar miteinander verkehren, abheben muss, will er alle Mitglieder einer Gesellschaft einbeziehen, ganz „bewusst“ auch den Straftäter, unabhängig davon, ob er es „verdient“, dass man sich um ihn bekümmert (DPB, 14f, 22-38).

Für den Bürger gibt es freilich eine Verbindung zum gesellschaftlichen Kontext deshalb, weil er das Wort „Gesellschaft“ verwendet; überhaupt bedeuten Sätze für ihn schon deshalb „etwas, weil er sie – der deutschen Sprache mächtig – versteht und mit diesem Verstehen etwas verbindet, was in der sozialen und ökonomischen Realität angeblich der Fall ist.“(DP2, 23f) Der Bürger gewahrt nicht, dass und wie er jene Verbindung zum gesellschaftlichen Kontext in jeder Sekunde seines Lebens herstellt, zumal unbewusst, selbst im Schlaf, wenn er träumt. Exakt diesen gleichsam schlafwandlerischen Verbindungsaufbau würde ich, anders als es Bialluch in seiner Lacan-Rezeption (BIC-DES) konzipiert, ganz handfest nachvollziehbar, ohne jede „subversiv“-esoterische Beimischung, als Entfremdung bezeichnen.

Esoterisch deshalb, weil Lacan – dem „Ursprungsfetisch oder -denken“ (DP4, 141148) zugeneigt – die sozial und gesellschaftlich hervorgerufene Entfremdung aus einer quasi-natürlichen Entfremdung: sozusagen einer menschlichen Fähigkeit zur Entfremdung heraus (Entfremdung als Naturkonstante, als Abstraktum, das dem menschlichen Wesen zugehört) interpretiert oder hervorgehen sieht, ein Aspekt, der in Bialluchs Lacan-Interpretation meines Erachtens zu kurz kommt.

Der quasi-natürliche Bezug zum gesellschaftlichen Kontext schließt ein, dass es die Verbindung zu ihm „nur“ in der Vorstellung des (schlafwandelnden) Subjekts gibt – in ein Gefühl verpackt, das ihm Auskunft gibt darüber, wie es mit der Gesellschaft um ihn herum oder seinem sozialen Umfeld, beides in eins setzend, bestellt ist: ist das Gefühl gut, ist die Gesellschaft gut; ist das Gefühl schlecht, ist die Gesellschaft schlecht.

So simpel sind selbst hochintelligente (Sozial-)Wissenschaftler wie z.B. Arnulf Baring gestrickt; sie reduzieren den gesellschaftlichen Kontext auf (v.a. ihre) Gefühle (DP3, 138-146). Gefühle werden kurzschlüssig in soziale Strukturen projiziert, in denen das Subjekt unmittelbar – mit guten oder schlechten Gefühlen – agiert; und von dort werden sie – ohne begrifflichen Schnitt zwischen sozialer Struktur und Gesellschaft – in den überfamiliären gesellschaftlichen Kontext projiziert, nicht weniger kurzschlüssig, als ginge der gesellschaftliche Kontext: das Allgemeininteresse, das alle Menschen der Gesellschaft einbezieht, in einer beliebigen sozialen Struktur, mehr noch: im Innenleben eines einzelnen Subjekts (l’état, c’est mois) auf, so dass es einen begrifflichen Schnitt zwischen „Subjekt“,

Kapitel 3: Ansatz zur psychoanalytischen Fundierung des Verhältnisses von Subjekt und Gesellschaft „sozialer Struktur“ und „Gesellschaft“ nicht gibt. Alles, vom Subjekt bis zum gesellschaftlichen Kontext, verschwimmt indifferent zu einem sozialen Ganzen, um nicht zu sagen: zu einem Brei. Heute sind wir immer erkennbarer so weit (tiefer geht’s nicht), dass die Analyse des gesellschaftlichen Kontextes sich auf die Analyse eines Gefühls, des Innenleben des Subjekts, reduziert sieht. Genauso verfährt – ob nun mehr links oder mehr rechts gestrickt – die herrschende soziale Theorie.

Psychoanalytiker eingeschlossen: zuständig für die Analyse des Innenlebens, analysiert der Psychoanalytiker – ganz Gefühlsmensch noch dort, wo er in „leerer Rede“ (Lacan) stumpf vor sich hinrationalisiert – mit dem Innenleben zugleich gesellschaftliche Strukturen, ohne dass er die dabei auftretenden begrifflichen Probleme auch nur erahnt; oder umgekehrt: wenn er den gesellschaftlichen Kontext analysiert (er weiß durchaus, dass es einen solchen gibt!), gewahrt er nicht, dass er diesen mit der Analyse des Innenlebens in eins setzt, bzw. dass er den gesellschaftlichen Kontext subjektivistisch eins-zu-eins im Innenleben des Subjekts abgebildet sieht, in Wahrheit also pure Subjekt-Analyse betreibt, wo er meint, er habe die Gesellschaft als zu analysierenden Gegenstand vor sich.

Kurzum: Ich möchte behaupten: alle Analytiker wie sie da sind verfahren so, ich meine unwissenschaftlich; sie faseln seit Freud aneinander vorbei (in leeren Reden), das heißt ohne „gemeinsame Sache“, die „real“ verbindet, wenn sie das Wort „Gesellschaft“ in den Mund nehmen – selbst und gerade dort, wo sie sich über (Therapie-)Methoden streiten wie die Kesselflicker.

Quellen:

BIC-DES: ChristophBialluch, Das entfremdete Subjekt. Subversive psychoanalytische Denkanstöße bei Lacan und Derrida, mit einem Vorwort von Klaus-Jürgen Bruder, Gießen 2011 (Psychosozial-Verlag)

DPB: Franz Witsch, Die Politisierung des Bürgers. Erster Teil: Zum Begriff der Teilhabe, Norderstedt 2009 DP2: ders., Die Politisierung des Bürgers. Zweiter Teil: Mehrwert und Moral, Norderstedt 2012 DP3: ders., Die Politisierung des Bürgers. Dritter Teil: Vom Gefühl zur Moral, Norderstedt 2013 DP4: ders., Die Politisierung des Bürgers. Vierter Teil: Theorie der Gefühle, Norderstedt 2013

WIF-SUL: ders., Sozialintegration und Lernen. Vortrag auf der Jahrestagung der NGfP (Neue Gesellschaft für Psychologie) in Berlin vom 7. bis 10. März 2013 Link:
http://www.film-und-politik.de/NGfP-SuL.pdf

Kapitel 3: Ansatz zur psychoanalytischen Fundierung des Verhältnisses von Subjekt und Gesellschaft

 


VON: FRANZ WITSCH






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