FRIEDRICH ENGELS


20.04.18
KulturKultur, Theorie, Sozialismusdebatte, TopNews 

 

Kurzrezension von Richard Albrecht

Als letzte große Engelsbiographie erschien 2009 das Buch des britischen Labourhistorikers Tristram Hunt (*1974) über Marx´ Weggefährten, Genossen und Freund, diesen Kommunisten im Gehrock (frock-coated communist). Galt manchen diese biographische Erzählung als zu narrativ oder/und zu theoriefern – als Rezensent fand ich (wenn auch nicht jede Wendung so doch) Hunts 2012 auf Deutsch publizierte biographische Engelsnäherung gleichwohl grundsätzlich gelungen[1].

Das gilt auch für das aktuell veröffentlichte und doch anders angelegte Bändchen des Marburger Politikwissenschaftlers Dr. Georg Fülberth (*1939). Hier wird in allster Kürze in zehn Kapiteln plus Facit und Literaturliste auf insgesamt knapp, extrem kleingesetzten, 120 Druckseiten nach kurzer Einleitung sowohl in einem biographischen Abriß als auch folgend in acht Kapiteln Engels systematisch diskutiert – einschließlich der Frage, warum es keinen "wirklichen Engelsismus" gibt und was aus Engels´ kommunistischen Kampfgenossen  der 1858er Bewegung ("Engels´ Renegaten") geworden ist.

Autor und Verlag haben ihr Anliegen und Verfahren so präzisiert:

"Friedrich Engels (1820-1895) hat einer modischen Lesart zufolge die Theorie seines Freundes und Mitstreiters Karl Marx von Grund auf missverstanden. Und er hat sie nach dessen Tod angeblich bis zur Unkenntlichkeit verflacht, wenn nicht gar verfälscht. Dem widerspricht Georg Fülberth. Er arbeitet die tatsächliche Bedeutung von Engels heraus, indem er belegt, dass dieser zur gesellschaftswissenschaftlichen Revolution des 19. Jahrhunderts gleichermaßen beitrug wie Marx: zur Ersetzung der idealistischen Geschichtsauffassung durch die materialistische. Engels hat Marx zur Veröffentlichung des ersten Bandes des »Kapital« (1867), der ohne ihn vielleicht nie erschienen wäre, gedrängt, den zweiten 1885 sowie den dritten 1894 zusammengestellt und herausgegeben. Zugleich war er – mehr noch als Marx – einer der ersten Vertreter des Typs der »Operativen Intellektuellen«, die die sozialistischen Bewegungen des 19. und 20. Jahrhunderts mitgeprägt haben. Georg Fülberth untersucht sein Wirken auf diesen drei Gebieten."

Das ist angemessen zusammengefaßt und kann unkommentiert so stehn bleiben. Klar auch, daß in dieser systematischen Kurzeinführung in Leben und Werk Friedrich Engels´ manches unberücksichtigt blieb: sowohl was Engels selbst als auch was Studien über Engels und dessen Wirksamkeiten betrifft. Dazu nur zwei Beispiele: So sind Engels Notizen zur Dialektik der Natur (1873-1886, Erstveröffentlichung 1925) allein in ihren Grenzen der methodischen Verallgemeinerung einer Dialektik in der Natur anhand sekundärliterarischen Zitate knapp angeführt; relevante ökologische Hinweise des Zeitgenossen Engels bleiben unerwähnt. Und so wurde die originäre politikhistorische These der negativen Integration der deutschen Sozialdemokratie in die wilhelminisch geprägte reichsdeutsche Gesellschaft[2] seit Aufhebung des Bismarckschen Sozialistengesetzes (1878-1890), die der "späte" Engels noch mitbekam, einem epigonalen bundesdeutschen Zeitgeschichtler zugeschrieben.

 

 

Georg Fülberth, Friedrich Engels. Köln: Papyrossa, 2018, 124 p. [Basiswissen Politik/Geschichte/Ökonomie], ISBN 978-3-89438-669-6, Preis 9,90 €uro.

 

 

[1] Richard Albrecht, Schau nach bei Engels. Subjektwissenschaftliche Anmerkungen zu Tristram Hunts Friedrich-Engels-Biographie; in: Aufklärung und Kritik, 19 (2012) 4: 262-267.

 

[2] Guenther Roth, The Social Democrats in Imperial Germany. A Study in Working Class Isolation and National Integration; preface Reinhard Bendix. Totawa/N.J. 1963: 305ff.

 







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