Neuerscheinungen Arbeit und Arbeitswelt


Bildmontage: HF

19.02.20
KulturKultur, Wirtschaft, Arbeiterbewegung, TopNews 

 

Buchtipps von Michael Lausberg

Buch 1

Hartmut Hirsch-Kreinsen/Heiner Minssen, Rainer Bohn (Hrsg.): Lexikon der Arbeits- und Industriesoziologie, 2. Auflage, Nomos, Baden-Baden 2017, ISBN: 978-3-8487-3254-8, 58 EURO (D)

Der Untersuchungsgegenstand der Arbeits- und Industriesoziologie hat sich beständig und massiv verändert. Inhalte, Organisationsformen, Beanspruchungen und technische Grundlagen von Arbeit unterlagen ebenso starkem Wandel wie die sozialen, hierarchischen und politischen Beziehungen, in die sie eingebettet ist, und die Erwartungen, Interessen und Qualifikationen der Personen, die sie ausführen. Der Dynamik des Gegenstands gerecht werden, die Breite des disziplinären Wissens dokumentieren und dabei variierenden Nutzerbedürfnissen entgegenkommen: Diese drei Ziele hat sich das Lexikon der Arbeits- und Industriesoziologie gesetzt, das nun in aktualisierter und erweiterter Auflage vorliegt.

Für diese Neuauflage wurden fast alle Stichwörter überarbeitet und auf den aktuellsten Forschungs- und Datenstand gebracht. Mehr als 400 neue Titel wurden verarbeitet. Die neu hinzugekommenen Stichwörter reflektieren vor allem die wachsende Bedeutung der Digitalisierung in der Arbeitswelt und die Folgen für die Beschäftigten. Es wurden einige Stichwörter gestrichen, die nicht mehr so aktuell waren wie noch zum Zeitpunkt der Erstauflage.

Die fast 90 Stichwortartikel sind jeweils von führenden Fachvertretern verfasst. Durch zahlreiche Verweisungen in den Artikeln und den Einsatz des Registers wird der Leser in die Lage versetzt, sich seinen individuellen Zugang zum Wissen zu bahnen. Sie folgen einem einheitlichen Aufbauschema mit folgenden Unterpunkten: Begriff, Genese/theoretisches Kontext, zentrale Forschungsergebnisse, internationaler Bezug, Empfehlungen zur weiteren Lektüre. Alle benutzten Werke werden dann in einer Bibliographie zusammengeführt. Im Anhang findet man noch Informationen über die Autorinnen und Autoren und ein ausführliches Register.

Hier werden fast alle Felder der Arbeits- und Industriesoziologie behandelt. Nur nach den Begriffen Klasse, Industriedenkmal/Industriemuseum oder Leiharbeit sucht man vergebens. Die einzelnen Beiträge haben durchgängig hohe Qualität und bündeln die wichtigsten Informationen. Das Springen von Stichwort zu Stichwort funktioniert gut, das Schema ist schnell verstanden. Das Buch arbeitet nur selten mit visuellen Darstellungen oder Tabellen, wahrscheinlich aus Platzmangel. Hervorzuheben ist die opulente Sammlung von Forschungsliteratur.

 

Buch 2

Andera Gadeib: Die Zukunft ist menschlich. Manifest für einen intelligenten Umgang mit dem digitalen Wandel in unserer Gesellschaft, Gabal, Offenbach, ISBN: 978-3-86936-930-3, 24,90 EURO (D)

Der sich immer stärker durchsetzender Globalisierungsprozess ist für die weltweite Vernetzung von Nationen in allen Bereichen (z. B. Politik, Wirtschaft, Kommunikation und Kultur) verantwortlich. Die Globalisierung wurde vor allem durch die Fortschritte in den Kommunikations- und Transporttechniken angetrieben. Für die Umsetzung der Digitalisierung in Unternehmen bedarf es eine ganzheitliche Strategie, um sich erfolgreich am Markt zu positionieren. Digitale Technologien werden in Zukunft noch stärker unser Leben und unseren Alltag bestimmen.

In diesem Buch geht es um die Dimensionen, Ursprünge und Ära der Digitalisierung und die damit verbundenen Ängste in den Köpfen der Menschen. Die Autorin stellt die Frage, wie der Einzelne und die Gesellschaft vom digitalen Wandel profitieren können und will die Chancen der Digitalisierung hervorheben. Dabei bleibt für sie der Mensch im Mittelpunkt der Betrachtung und nicht seine Abhängigkeit von KI oder Robotern.

Das Buch beginnt mit grundlegenden Fragen des Verhältnisses von Mensch und Maschine. Anschließend referiert sie Marktforschungsergebnisse, was die Menschen über Digitalisierung denken und stellt danach Grundkenntnisse zur digitalen Welt zusammen. Weiterhin stellt sie anhand von den fünf Gestaltungsfeldern Arbeit, Freizeit, Bildung, Gesundheit und Mobilität die Digitalisierung gewinnbringend für sich einzusetzen  und nutzbar zu machen. Im letzten Kapitel stellt sie einen Methodenkoffer und ein 10-Punkte-Manifest zur persönlichen Gestaltung des Digitalen vor. Sie stellt dabei den Menschen als Subjekt im Mittelpunkt, legt nahe, lieber an Lösungen statt an Probleme zu denken und aktiv zu entscheiden, welche neue Technologie man braucht und welche nicht, sowie stellt die Frage der Verhältnismäßigkeit bei der Herausgabe von persönlichen Daten.

Dass sich die Digitalisierung nach menschlichen Bedürfnissen ausrichten kann und sogar muss, steht außer Frage. Es bleiben nur ernsthafte Zweifel, ob es eine humane Nutzung der neuen Technologien im kapitalistischen Wirtschaftssystem geben kann, wo es um Konkurrenzdenken, Gewinnmaximierung und darwinistische Prinzipien geht und nicht um eine menschliche, solidarische Gesellschaft für alle. Gerade in Großkonzernen, auch den hier genannten, kann es schon aus Prinzip keine Ethik und Moral geben, die sich an menschlichen Werten misst. Daher bleiben die hier entwickelten Ideen, die eigentlich fundiert und durchdacht sind, auf halbem Wege stehen. Es bedarf einer humanen Wirtschaftsstruktur und einer humanen Digitalisierung.

 

Buch 3

Ulrike Reiche: Slow Work. Slow Life. Entschleunigt und gelassener leben, Business Village, Göttingen 2019, ISBN: 978-3-86980-444-6, 24,95 EURO (D)

Digitalisierung hat Auswirkungen auf uns alle: im digitalen Zeitalter wird der Umgang mit Informationen, die Schnelllebigkeit von Prozessen, Handlungen sowie die persönliche Erreichbarkeit im Beruf immer weiter zunehmen. Das Private vermischt sich mit dem Beruflichen und schafft neue schnellere Zeitmodelle. Dies hat neben vielen Vorteilen auch Nachteile: Schnelligkeit, Flexibilität und Komplexität nimmt zu, oft mit krankhaften Folgen Um diesem Phänomen zu begegnen, schildert Ulrike Reiche in diesem Buch wirksame Gegenstrategien und ein neues Mindset für den beruflichen und privaten Alltag: „Ich halte die grundsätzliche Modernisierung des Arbeits- und Lebensstils für eine notwendige Konsequenz der digitalen Transformation.“ (S. 13)

Die Coachin setzt dabei auf den Faktor Resilienz: Dieser psychologische Fachterminus wird zunehmend auch in Wirtschaftsunternehmen populärer. Resilienz ist die Fähigkeit, Krisen zu bewältigen und sie durch Rückgriff auf persönliche und sozial vermittelte Ressourcen als Anlass für Entwicklungen zu nutzen. Nicht nur in der Organisationsentwicklung von Unternehmen, sondern auch für jeden Einzelnen ist diese Achtsamkeit für sich selbst eine wichtige Ressource. Loslassen als Erfolgsfaktor, integrierte Ruhephasen und Einsamkeit, Schlaf als letztes „Refugium einer vom Kapitalismus geraubten Zeit“, innere Gelassenheit und Meditation und weniger Arbeitszeit. Berufliches Gesundheitsmanagement wird beschrieben, um den Auswirkungen des digitalen Fortschritts Rechnung zu tragen.

Am Ende des Buches werden Interviews abgedruckt, die die Autorin mit Personen geführt hat, die sich mit modernen Arbeitskonzepten, den Auswirkungen der Digitalisierung und dem Verhalten von Führungspersönlichkeiten beschäftigen.

Das Buch beschreibt gut, wie die Umstellung zu einem entschleunigten Lebensstil gelingen kann und welche Methoden dafür geeignet sind. Außer den hier vorgestellten Gegenmitteln sollte man dabei den ständigen Drang nach mehr und die Gleichsetzung von Glück mit materiellem Wohlstand hinterfragen. Entschleunigung, Zeit für ein gutes Leben außerhalb der Gier nach Geld mache die geistigen Voraussetzungen für eine nachhaltige Entwicklung aus. Freie Zeit zu haben ist zu einem neuen postmateriellen Wohlstandsfaktor geworden. Ein Kapitel über Slow Food als Lebenseinstellung und Faktor der Entschleunigung fehlt allerdings.

 

Buch 4

Stefan Pastuszka: Strategy Explorer. Das Strategiewerkzeug für Teams. Für jedes Business die passende Strategie entwerfen, Gabal, Offenbach 2019, ISBN: 978-3-86936-934-1, 29,90 EURO (D)

In diesem Buch stellt Stefan Pastuszka, Strategie- und Innovationsberater, seine canvasbasierte Methode zur Strategieentwicklung für Unternehmen und Organisationen vor, den Strategy Explorer. Damit sollen die relevanten Schritte zur Entwicklung einer Strategie zusammenfassend abgebildet werden: „Das Ziel ist das Generieren eines in sich stimmigen Gesamtbildes, welches alle relevanten Aspekte enthält. Dazu werden aus unterschiedlichen Blickwinkeln die wichtigsten Punkte zusammengetragen und zu einer in sich konsistenten Logik entwickelt.“ (S. 15) Das Buch enthält außerdem Tipps zur Zusammenstellung eines erfolgreichen Teams und erklärt anhand von zahlreichen Beispielen die Umsetzung der Strategie. In der Buchinnenseite findet man noch einen Link zum kostenlosen Download des Strategy Explorers.

Das Buch beginnt mit einem Überblick über Strategieentwicklung der Gegenwart und den Vorteilen des Strategy Explorers. Danach werden dessen Kern, das Ziel, das Umfeld sowie strategischen Optionen und Ziele erklärt. Die praktische Umsetzung mit Ablauf, Teilnehmer, Arbeitsweise, Setting und möglichen Problemen folgt dann. Anschließend werden verschiedene Beispiele von der Vereinsfinanzierung für Start-Ups bis hin zur Karrierestrategie von Einzelpersonen. Die Umsetzung, die Strategiekommunikation und die Evaluierung runden das Buch ab. Dabei stehen bestehende Regelmeetings, Mitarbeitergespräche und verteilte Verantwortung und der Umgang mit einem Dashboard im Mittelpunkt. Im Anhang findet man noch ein Literaturverzeichnis, ein Stichwortverzeichnis und Informationen über den Autor.

Diese neue Methode des Strategy Explorers wird verständlich erklärt und sein Beitrag für mehr Flexibilität praxisnah dargelegt. Der Unterschied zu anderen Strategieentwicklungsmethoden liegt darin, dass die wesentlichen Grundvoraussetzungen schnell geändert werden und flexibel gestaltet werden können. Bei größeren Unternehmen oder Organisationen mit einem langfristigen Konzept ist dies schwer umsetzbar. Kleinere Teams oder Einzelpersonen können davon eher profitieren, die Voraussetzung ist dabei allerdings eine Bereitschaft und Talent für das Erkennen und Behandlung von sich ändernden Voraussetzungen und Prozessen. Flexibilität im Kopf ist notwendig.

 

Buch 5

Bernhard von Mutius: Disruptive Thinking. Work- & Playbook. Wie disruptives Denken im Alltag wirksam wird, Gabal, Offenbach 2019, ISBN: 978-3-86936-932-7, 34 EURO (D)

Dieses Buch ist als Fortsetzung und Ergänzung zu dem früheren Buch des Zukunftsdenkers und Unternehmensphilosophen Bernhard von Mutius über disruptives Denken zu sehen. In seinem früheren Buch setzt er sich mit der aktuellen Debatte über die Umbrüche, mit denen wir uns konfrontiert sehen. Darin fordert er ein völlig neues Denken, das Disruptive Thinking. Disruption ist ein Prozess, bei dem ein bestehendes Geschäftsmodell oder ein gesamter Markt durch eine stark wachsende Innovation abgelöst wird. Ein Denken soll eine neue Anpassungsfähigkeit gewährleisten und Kräfte der Gestaltungsfreiheit freisetzen.

In diesem Work- und Playbook stellt der Autor praxisnah Schritt für Schritt den Weg zum disruptiven Denken vor. Er will dabei die Kreativität und radikale Innovationen in Wirtschaft und Gesellschaft fördern und Mut dazu machen, Grundannahmen infrage zu stellen und sich den Erfordernissen des digitalen Zeitalters anzupassen. Es ist ein Anleitfaden für die Praxis, das in vier Kapiteln nach Wegstrecken aufgeteilt ist. Dort geht es um vier zentrale Herausforderungen, die es auf unterschiedlichen Ebenen zu meistern gilt und die aufeinander aufbauen. Es beginnt mit der mentalen Herausforderung, lineare Bilder im Kopf zu überwinden und stattdessen sich gedanklich auf einen Bergweg mit vielen Unwägbarkeiten einzulassen. Dann folgt die strategische Herausforderung: Sich mit seinem Geschäftsmodell und seiner Organisation auf Neues einlassen, Widersprüche akzeptieren und aus begangenen Fehlern lernen und ein multiperspektivischer Blick. Methoden, Tools und Denkbilder kommen auch zur Sprache: ständig an Verbesserungen zu arbeiten, sein eigenes Geschäft immer neu erfinden und die Spielregeln gründlich zu verändern sowie eine Einfachheit der Produkte und die Methode der T-Canvas.

Die nächste Stufe ist die organisatorische Herausforderung: Dabei gilt es effizient zu arbeiten und zugleich agil Innovationen voranzutreiben mit sieben elementaren Bausteinen und fünf Grundsätzen über schöpferische Störungen der Organisation. Die vierte Stufe beschäftigt sich mit der Organisationskultur, das menschenzentrierte Arbeiten. Führungskultur, Kommunikation, Bildung und corporate identity. Eine Innovationskultur schafft Freiräume, Inspirationen und Experimentierfreude, das Zusammendenken von Innovation und Nachhaltigkeit als Prinzip wird auch ausgeführt.

Im Anhang findet man noch einige Erklärungen ausgewählter Begriffe, Quellen und Literaturtipps und ein Register.

Der Autor arbeitet viel mit visualisierten Denkbildern (Zeichnungen, Modelle) und leitet viele seiner Thesen aus der Praxis von erfolgreichen Unternehmen ab. Die einzelnen Kapiteln sind zweigeteilt: Zuerst werden die Themen und Hintergründe beleuchtet und Anregungen durch Beispiele gegeben. Dann folgen Anwendungen, Methoden, Tools und Anleitungen für die eigene Praxis. Von daher ist das Buch schlüssig aufgebaut, Lernaufgaben und praktische Prinzipien stehen für das eigene Mindset im Mittelpunkt. Das Buch lässt sich vor allem in der täglichen Führungsarbeit, als Lernprogramm für Führungskräfte oder kommenden oder im Bereich von Workshops. 

 

Buch 6

Mark Lambertz: Die intelligente Organisation. Das Playbook für organisatorische Komplexität, 2. Auflage, Business Village, Göttingen 2019, ISBN: 978-3-86980-409-9, EURO (D)

In diesem Buch stellt Mark Lambertz eine neue Sichtweise auf Organisationen und komplexe Systeme vor, die es ermöglicht, Normen, Strategie, Taktiken und Wertschöpfung im Zusammenhang zu verstehen. Dabei steht die Symbiose von notwendiger Selbstorganisation mit ebenso notwendiger Führung im Mittelpunkt. Lambertz’ Neuinterpretation des Viable System Model (VSM) lädt in Form eines Playbooks zum Mitdenken und Experimentieren ein und zeigt an vielen Praxisbeispielen, wie man sein eigenes Modell für die jeweilige konkrete Situation erstellt.

Das VSM bietet eine „Landkarte der Organisation, um die wesentlichen Elemente und Zusammenhänge eines lebensfähigen Systems zu verstehen. (..:) Das VSM ist also zuvorderst eine besondere Form der Informationsarchitektur von Organisationen, die in der Lage sind, ihre eigene Existenz aufrechtzuerhalten.“ (S. 14) Auf der Basis dessen kann ein gemeinsames Verständnis hinsichtlich der Zusammenhänge innerhalb und außerhalb des Unternehmens erreicht werden.

Im ersten Teil werden theoretische Grundlagen über komplexe Systeme und Organisationen entwickelt. Danach werden die Erkenntnisse als Beispiel auf die Organisation der deutschen Fußballnationalmannschaft übertragen und die Leitideen des VSM vorgestellt. Anschließend wird anhand von vielen Beispielen gezeigt, wie das VSM in der Praxis funktioniert. Die Gestaltung von intelligenten Organisationen, also Verbesserungen und Ergänzungen im eigenen Unternehmen, kommen dann zur Sprache. Nach einem kurzen Schlusswort findet man noch ein Literaturverzeichnis im Anhang.

Mit der Neuinterpretation des VSM entwickelt der Autor ein Werkzeug im Umgang mit organisatorischer Komplexität. Es ist grob gesagt eine Kombination zwischen Selbstorganisation und Führung und enthält auch die Suche nach gemeinsamen verbindenden Werten, Fragen der Resilienz und nachhaltige Wertschöpfung. Es hat überdies den Vorteil, dass schon bestehende Prozessmethoden und Organisationsmodelle zu integrieren.

Das Buch fängt komplex mit vielen Fachausdrücken in der Theorie an. Davon sollte man sich nicht abschrecken lassen und das Buch zur Seite legen. Später werden viele Praxisbeispiele gezeigt, wie dieses Wissen angewendet werden kann. Durchhalten lohnt sich also.







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