Neuerscheinungen Gesellschaft


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30.03.19
KulturKultur, TopNews 

 

Buchtipps von Michael Lausberg

Buch 1

Jaron Lanier: Anbruch einer neuen Zeit. Wie virtual reality unser Leben und unsere Gesellschaft verändert, Hoffmann & Campe, Hamburg 2018, ISBN: 978-3-00399-4, 25 EURO (D)

Jaron Lanier hat als einer der Pioniere zu Beginn der 80er-Jahre virtuelle Realitäten technisch umgesetzt hat. In seinem neuen Buch„ Anbruch einer neuen Zeit“ gibt er einen Einblick in sein Leben, die Anfänge des Silicon Valleys, den großen Traum von der virtuellen Realität und deren Gefahrenpotentiale. Es ist eine Melange aus Autobiografie, fachlichen Betrachtungen und kritischen  Überlegungen aus seiner subjektiven Sicht.

Seine Kindheit war von der Folgewirkung der Shoa, Ausgrenzung und Armut bestimmt. Ein Teil seiner Familie wurde im Holocaust ermordet. Seine Mutter starb früh bei einem Autounfall. In der Schulklasse im mexikanischen Ciudad Juárez war Lanier ein Außenseiter. Daraus entstanden ein Eskapismus und die Sehnsucht nach einer anderen Welt

In einer Retrospektive wird der Leser in eine Zeitreise ins Silicon Valley versetzt. In den frühen 1980er-Jahren arbeitete er im Atari -Forschungslabor, wo er 1983 das musikalische Weltraum-Action-Spiel Moondust und den Datenhandschuh entwickelte, ein Gerät, das man über die Hand zieht und damit Aktionen im Computer auslöst, etwa virtuelle Gegenstände greift. 1984 gründete er VPL Research, um weitere Anwendungen in dieser Richtung zu entwickeln und zu vermarkten. 1992 verließ er die Firma und begann, professionell Musik zu komponieren und Musikinstrumente zu entwickeln.  Lanier lehrte an mehreren Universitäten Informatik.

Gleichzeitig erzählt er den atemberaubenden Aufstieg einer Technologie, die unser Leben und unseren Alltag verändert: die virtuelle Realität. Dabei stellt er klar, dass diese den Menschen dienen soll und nicht den Menschen beherrschen. Die dadurch entstehenden die grundsätzliche Erweiterung der menschlichen Möglichkeiten wird ebenso geschildert wie auch die Risiken. Als einstiger Pionier warnt davor, dass die Wirkungsweisen der virtuellen Realität Freiheit und Autonomie gefährden können. Der Missbrauch durch Diktatoren, Propagandisten oder menschenverachtender Regime besteht immer, die Schattenseiten der modernen Entwicklung.

Jason Lanier zeigt sich hier als kritischer, intellektueller Geist: Die Janusköpfigkeit der Entwicklung hin zur virtuellen Realität wird von dem Autor blendend geschrieben. Unbegrenzte Möglichkeiten, aus gutem Willen für das Allgemeinwohl ausgearbeitet, haben auch ihre Schattenseiten. Seine Kritik an globalen Unternehmen, diese neue Entwicklung zu pervertieren, ist mehr als gerechtfertigt.

 

Buch 2

Daniela Dröscher: Zeige deine Klasse. Die Geschichte meiner sozialen Herkunft, Hoffmann & Campe, Hamburg 2018, ISBN: 978-3-455-00431-1, 20 EURO (D)

In ihrem autobiografischen Essay „Zeige deine Klasse“ beschreibt Daniela Dröscher die Wirkung ihrer sozialen Herkunft in Bezug auf die eigene Identität. Sie schildert ihren Lebenslauf von ihrer Kindheit bis hin zu einer akademischen Ausbildung und ihre innere Haltung und die inneren Widersprüche dorthin auf.

Beim Abfassen ihres Buches, das eine Mixtur zwischen Beschreibung und Analyse des bildungsbedingten Milieuwechsels ist, ließ sie sich von Didier Eribons „Rückkehr nach Reims“ inspirieren. Der autobiografisch-politische Bestseller von Didier Eribon „Rückkehr nach Reims“ erschien 2009 auf Französisch und 2016 auf Deutsch erschienen. Eribon untersucht darin die Entfaltung der eigenen Homosexualität im Zusammenhang mit der politischen Kultur seines Herkunftsmilieus der nordfranzösischen Arbeiterschaft. Er erweitert mehrmals die Selbsterforschung, indem er Homophobie und Rassismus seines Herkunftsmilieus mit dem Widerspruch zwischen linkem Selbstverständnis und aktuell rechtem Wahlverhalten verbindet. In dem Buch finden sich zahlreiche Verweise auf Eribon und den französischen Soziologen Bourdieu.

Sie kam als Kind einer Familie zur Welt, die sich aus der untersten Klasse bis ins Kleinbürgertum hochgearbeitet hat. Die finanziellen Möglichkeiten reichen für das Erlangen des Abiturs und zur erfolgreichen Absolvierung eines Studiums. Während dieser Zeit plagten sie Zweifel und Identitätsprobleme, zu welcher Klasse sie sich selbst zugehörig fühlen sollte. Mangel an Selbstwertgefühl wegen ihrer scheinbaren kulturellen Defizite in der akademischen Welt und der Drang nach Perfektion, um dazu zu gehören, durchzieht das gesamte Buch. Aufsteigen in ein anderes Milieu mit anderen Normen und Werten machen einen großen Teil ihrer Identitätssuche aus. Angst vor Ablehnung durch bildungsbürgerliche Eliten und das Leben zwischen zwei Welten werden offenherzig beschrieben. Einen Ausweg sieht sie allerdings: die Vision einer klassenlosen Gesellschaft ohne Habitus und Standesdünkel.

Ein Lehrstück des Klassismus, das die Auseinandersetzung zwischen Klassen im Sinne des Marxismus postuliert, ist es nicht. Sie beschreibt eher die Verhaltensunsicherheiten einer mittleren Klasse, die nach unten hin Angst vor dem Abstieg, nach oben hin letztlich Scheu vor der Autorität von Leistungseliten oder die sich dafür halten, emotional verarbeitet. Allerdings schöpft sich Identität und Selbstwert nicht nur aus einer Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe, Klasse oder Schicht, da ist komplexere Wahrnehmung angebracht.

 

Buch 3

Jürgen Schreiber: Ein Verräter wie er. Die Geschichte eines kaltblütigen Doppelmordes und wie ihn die Stasi vertuschte, Droemer, Stuttgart 2019
ISBN: 978-3-426-27758-4, 19,99 EURO (D)

Jürgen Schreiber wurde auf dem Gebiet Enthüllungen und Reportage mit dem Theodor-Wolff-Preis ausgezeichnet. Er beschäftigt sich seit Jahren mit der ehemaligen DDR und mit der Stasi und brachte zu dem Themenkomplex einige Bücher heraus.

Für sein neustes Buch sichtete Jürgen Schreiber in geheimen Archiven des militärischen Nachrichtendienstes der DDR über 9000 Aktenseiten über tatsächlich stattgefundene Verbrechen in der ehemaligen DDR. Anfang der 1960er Jahre wurden zwei halb verweste Leichen in einem Waldstück bei Ostberlin gefunden, ihr Tod glich einer Hinrichtung.

Der Fall wird nicht an eine normale Mordkommission, sondern an die Stasi übergeben. Deren einsetzende Ermittlungen laufen zunächst ins Leere. Durch die Ermittlungen werden Befehlshierarchien, Struktur und Vorgehen der Stasi dem Leser vor Augen geführt, so dass ein Einblick in die reale Arbeit des ostdeutschen Geheimdienstes möglich ist. Dann ergeben sich neue Indizien, der Fall wird zum Psychothriller dreht sich plötzlich um die Stasi selbst. Ein Stasi-Mitarbeiter gerät unter Tatverdacht, was unterschiedliche Reaktionen innerhalb des Geheimdienstes hervorruft.

Gewiss, der Krimi ist spannend und beruht auf einer wahren Geschichte, die einige der Leser noch miterlebt haben oder kennen könnten. Aus der realen Verbindung von Verbrechen und seiner Vertuschung durch Staatsdiener bezieht er seinen Markenkern. Manchmal stellt sich allerdings die Frage, ob sich Schreiber wirklich nur an die wirkliche Geschichte hält oder ob einiges wegen der Steigerung der Spannung hinzugefügt worden ist. Die Stasi wird doch zu plakativ monströs und böse dargestellt, die Abrechnung mit der DDR im Geiste des Kalten Krieges klingt plump-offensichtlich heraus. Wer weiß, vielleicht gibt es ja eines Tages die Chancen, die verschwiegenen Verbrechen und Opfer  der westdeutschen Geheimdienste zu erfahren.

 

Buch 4

Steven Pinker: Aufklärung jetzt. Für Vernunft, Wissenschaft, Humanismus und Fortschritt. Eine Verteidigung, S. Fischer, Frankfurt/Main 2018, ISBN: 978-3-10-002205-9, 26 EURO (D)

Steven Pinker ist Professor für Psychologie an der Harvard University und hat schon mehrere Bücher über geistesgeschichtliche Themen verfasst. Dieses Werk ist eine Verteidigungsschrift für die historische Aufklärung und den heutigen Rationalismus.

Damals wie heute war man bestrebt, sich von alten Denkweisen und früheren Vorstellungen zu befreien. Die Menschen sollten - anders als früher - ihren Kopf benutzen und nichts als gegeben hinnehmen, ohne es mittels der Vernunft zu hinterfragen. Dies richtete sich vor allem gegen blinden Gehorsam gegenüber der Kirche und anderen Obrigkeiten, gegen Vorurteile und Aberglauben. In den Augen der Aufklärer war allein der Verstand in der Lage, die Wahrheit ans Licht zu bringen und Vernunft und Freiheit das richtige Mittel, um die Menschen von Unterdrückung und Armut zu erlösen. Die weitere Verbreitung aufklärerischer Staatsideen auch jenseits ihres geschichtlichen Entstehungszusammenhangs ist für die Ausgestaltung der modernen Staatenwelt anhaltend bedeutsam geblieben.

Ein wichtiger Faktor war dabei die Bildung, denn ein Spruch, den wir heute noch kennen, war ebenfalls einer der Leitsätze der Aufklärung: "Wissen ist Macht". Dieser Satz wurde vom englischen Philosophen Francis Bacon geprägt und bedeutet, dass es einem Menschen erst durch Bildung und Wissen ermöglicht wird, seinen Verstand zu benutzen und eine eigenständige und unabhängige Person zu werden. Bildung und Wissenschaft sollten gefördert und vor allem in allen Schichten der Bevölkerung verbreitet werden. Die Aufklärer wollten Freiheit und Gleichheit für die Menschen sowie Toleranz gegenüber anderen Religionen - eine Forderung, die in der damaligen Gesellschaft äußerst neuartig und einschneidend war.

Der Kulturpessimismus und die Kulturkritik Friedrich Nietzsches, besonders seine Konzepte von Dekadenz und dem Willen zur Macht, sind ihm ein Dorn im Auge. Friedrich Nietzsche thematisierte vor allem in seinem Spätwerk die Dekadenz, die sich bei ihm auf den kulturphilosophisch-geschichtlichen wie den ästhetischen Bereich bezog. Die Geschichte seit dem perikleischen Athen  betrachtete er als (dekadente) Verfallsentwicklung. Für den Niedergang sei der schwächliche, sich an falschen, lebensverneinenden Werten orientierende Geist des Abendlandes selbst verantwortlich. Dieser habe sich in Gestalt des von Nietzsche „verbrecherisch“ und „dekadent“ aufgefassten Sokrates ein falsches Ideal gesetzt. Auch andere gegenwärtige kulturpessimistische Denkhaltungen werden angeprangert.

Er wendet sich auch gegen den Irrationalismus in Gestalt von Fake News, Halbwahrheiten, Legenden und Verschwörungstheorien. Die Menschheit tut gut daran, sich an Kant, Bacon, Lessing, Montesquieu und wie sie alle heißen zu orientieren.

Viele seiner Ausführungen treffen zu, andere Aspekte verdienen Kritik.

Es gab schon damals Kritik an dem Menschenbild der Aufklärung von den Aufklärern selbst, die auch heute noch zählt. Das aufklärerische Menschenbild wird dem „ganzen Menschen“ nicht gerecht, er wird auf ein Verstandeswesen reduziere, das in einem maschinenähnlichen Körper wohnt. Die Fortschrittsgläubigkeit, das naive Vertrauen in die Errungenschaften der Naturwissenschaften und Technik wurde schon vor 200 Jahren angeprangert.

Seine Laudatio auf Wissenschaft, Vernunft und den Fortschritt belegt er mit ausgewählten Statistiken haben richtige Seiten, sind jedoch auch etwas einseitig. Wenn er Statistiken zeigt, die beweisen sollen dass freie Märkte und Globalisierung der Menschheit zu mehr Wohlstand verholfen haben, ist das krude. Von dem Fortschritt und der Globalisierung profitiert nur ein Teil der Menschheit, für viele ist es Armut verursacht durch Kapitalismus. Auch der Preis des ständigen Fortschritts in der Wirtschaft, der sich durch Klimawandel, Naturkatastrophen und Kampf um Rohstoffe äußert, besitzt für Pinker keinen hohen Stellenwert.

 

Buch 5

Min Jon Lee: Ein einfaches Leben. Roman, dtv, München 2018, ISBN: 978-3-423-28972-6, 24 EURO (D)

Dieser Roman, der in Südkorea geborenen und heute in den USA lebenden Autorin erzählt eine 70 Jahre dauernde Familiensaga von dem Leben von Koreanern als Minderheit in Japan erzählt. Von der Ankunft in Japan, über das Leben in Kriegszeiten als Ausgestoßene am Rande der Gesellschaft bis zu den arrivierten Nachfahren reicht die Geschichte. Weniger als eine Million leben heute Koreaner in Japan, viele bereits in dritter Generation. Immer noch gibt es keine gleichberechtigte Eingliederung von Menschen in die japanische Gesellschaft, selbst wenn die Familie bereits seit 70 Jahren im Land lebt und Kinder und Kindeskinder im Land geboren sind, das ist der Tenor des Buches.

Exemplarisch greift Min Jin Lee eine Familie als Paradebeispiel heraus. Diese stellt anhand dieser Familie den Umgang Japans mit Minderheiten im Land schonungslos und in aller Offenheit dar.

Sunja wird mit ihren beiden Söhnen gezwungen, nach Japan zu emigrieren und sich dort ein neues, besseres Leben aufzubauen. Schnell wird klar, ein Koreaner ist in Japan steht auf der untersten Stufe der sozialen Hierarchie. Ein sozialer Aufstieg scheint nicht einmal nach mehreren Generationen möglich. Dieser Roman hat viele Protagonisten: Die beiden Söhne Sunjas Noa und Mozasu entwickeln sich völlig unterschiedlich Der eine schafft es durch Selbstverleugnung der eigenen Herkunft und guten japanischen Papieren an die besten Universitäten des Landes, den anderen versucht sein Glück im kriminellen Milieu und hat nicht die Kraft, sich gegen die ständigen Ressentiments der Mehrheit zu wehren. Nebenbei werden auch noch staatliche Diskriminierungen sichtbar. Koreaner wurden pauschal ab dem 14. Lebensjahr registriert, ihnen wurden Fingerabdrücke abgenommen und als staatsgefährdende Personen behandelt. Rassismus pur. Ein Fall zeigt die schrecklichen Folgen: Suizide wegen dieser Diskriminierung.

Dieses in den USA preisgekrönte Buch gibt einen tiefen Einblick in den Umgang mit Ausländern in Japan: selbst in der dritten Generation gehört man nicht richtig dazu. Das Ringen um Integration, die Fragen nach eigener Identität sind in der Gegenwart höchst virulent, daher bespricht das Buch ein aktuelles Thema. Der Blick ins eigene Land kann nicht ausbleiben: Die „Gastarbeiter“ der 1950er oder 1960er Jahre aus der Türkei, Griechenland, Spanien usw. hatten und haben ein ähnliches Schicksal wie die Koreaner in Japan.

 







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