Egon Krenz - 1949 und 1989 Wendepunkte europäischer Geschichte


Egon Krenz - Bildmontage: HF

01.02.15
InternationalesInternationales, Debatte 

 

von Egon Krenz

Ausführungen von Egon Krenz auf der Ver- anstaltung zum 65. Gründungstag der DDR bei der Rotfuchs-Regionalgruppe Berlin am 10. Oktober 2014

Nicht als Nostalgiker erinnern wir an die Grün- dung der DDR vor 65 Jahren. Wir sind vielmehr Zeitgenossen, die aus der Geschichte lernen. Uns liegen Frieden, soziale Gerechtigkeit und die Zukunft unserer Kinder und Kindeskinder am Herzen.

Wir sind nicht rückwärtsgewandt, auch wenn wir inzwischen in die Jahre gekommen sind. Weil wir die DDR gut kennen, wehren wir uns gegen ihre Diffamierung und die Verfälschung ihrer Geschichte. Es gab doch nicht nur – wie es bei bestimmten Leuten heute heißt - die Anderen. Für Millionen Bürger war die DDR ihr Vaterland, dem sie viel von ihrer Lebenskraft gegeben haben - immer in der Überzeugung, damit dem Guten in Deutschland zu dienen. Wir sehen keinen Grund, dieses Leben entwerten zu lassen – von wem auch immer!

Wichtiger aber noch ist:
Jede Unwahrheit über die DDR ist auch eine Barriere gegen die Zukunft. Horrormeldungen über sie sollen Ängste schüren vor sozialistischen Ideen und die Botschaft vermitteln:
Nie wieder eine Alternative zur kapitalistischen Gesellschaftsordnung zuzulassen!

Weil das nicht so gelingt, wie sich ihre Erfinder das wohl vorgestellt hatten, werden die Ausfälle gegen die DDR von Jahr zu Jahr primitiver und verlogener. Sie sind weniger an jene gerichtet, die in der DDR gelebt haben als viel mehr an die Heranwachsenden, die die DDR aus eigener Anschauung nicht mehr kennen.
Ihnen soll ein Zerrbild von der DDR aufgedrängt werden, das den Deutschen schon 1997 von einer Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages staatlich verordnet worden war (1) und nunmehr Punkt für Punkt abgearbeitet wird.

(1) Nachzulesen ist dies in dem 1997 veröffentlichten Bericht der Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages „Überwindung der Folgen der SED-Diktatur im Prozess der deutschen Einheit“. Der hat mit Anlagen 15 .000 Blätter.

„Ich bin ein leidenschaftlicher Gegner von Geschichtsklitterungen … Geschichte muss sich gegen jede Einseitigkeit wenden, die in aller Regel nur dazu gedacht ist, als Waffe im politischen Kampf der Gegenwart eingesetzt zu werden. Geschichtsbetrachtung darf nicht zurechtgebogene Einseitigkeiten schaffen und zu Knüppeln politischer Propaganda degradieren“ (2) .

Dies könnte aus meinem Buch „HERBST89“ sein. Doch, der Mann, der das sagte, ist schon 1988 gestorben. Franz Josef Strauß hieß er. Wer will es uns verdenken, wenn wir Neubürger diese Maßstäbe auch für die DDR-Geschichte einfordern?

Wenn wir zurückblicken,

  • interessieren uns Tatsachen, nicht Vermutungen. Nicht Verdächtigungen, nicht Unterstellungen.
  • Wir prüfen Fakten, bevor wir urteilen, lassen uns nicht von tendenziösen Aktenberichten irritieren.
  • Wir bagatellisieren nicht die Fehlentwicklungen der DDR, aber reduzieren die DDR nicht auf sie.
  • Wir unterscheiden uns durch differenziertes Herangehen an die Geschichte von denen, die der DDR per Dekret ein entstelltes Geschichtsbild aufzwingen wollen.
  • Wir ordnen Tatsachen in Zusammenhänge der Nachkriegsgeschichte ein.
  • Als neue Bundesbürger haben wir sehr wohl auch ein Recht, unsere Geschichte mit der westdeutschen zu vergleichen und auch nach den schwarzen Punkten der Entwicklung der alten Bundesrepublik zu fragen.
  • Denn: Im Osten die Hölle und im Westen der Garten Eden – so ist die deutsche Nachkriegsgeschichte nicht verlaufen.

Viel Sachlichkeit könnte schon dadurch erreicht werden, würden Politik und Medien dem Grundsatz folgen: Machen wir die DDR nicht schlechter als sie war und die BRD nicht bes- ser als sie ist. Deutschland ist ohne die DDR nicht demokratischer, nicht sozial gerechter und schon gar nicht friedliebender geworden.
2)
Franz-Josef Strauß „Erinnerungen“, 1989, Seite 388

Als am 11. Oktober 1949 hier in Berlin Unter den Linden viele von uns dabei waren, als junge Leute aus ganz Deutschland Wilhelm Pieck zu seiner Wahl zum Präsidenten der Republik beglückwünschten, träumten Millionen Deutsche davon, dass - wie es Brecht im gleichen Jahr ausdrückte - „ein gutes Deutschland blühe Wie ein andres gutes Land - … Und das liebste mag’s uns scheinen - So wie andern Völkern ihrs“ (3) .

Kaum jemand hätte sich damals wohl vorstellen können, dass es 65 Jahre später wieder tönt, Deutschland müsse in der Welt mehr sein, auch militärisch. Der Bundespräsident meint gar:
»Manchmal (ist) erforderlich, auch zu den Waffen zu greifen« (4).

Dass Meinungsführer in Deutschland ihm nicht widersprechen, ist für mich ein Zeichen, dass in Politik und Wirtschaft starke Kräfte einen Paradigmenwechsel wünschen.
Damit wird ein gesellschaftlicher Grundkonsens verlassen - der selbst zu Zeiten härtes- ter Systemkonfrontation zwischen der BRD und der DDR galt:
Von deutschem Boden darf nie wieder Krieg ausgehen. Zu Wochenbeginn veröffentlichte die 'FAZ' einen Artikel von Pfarrer Richard Schröder. Bei meinem Blick in die Zeitung glaub- te ich zunächst, Opfer einer optischen Täuschung zu sein.

Nicht mit „Schwerter zu Flugscharen“ war der Artikel überschrieben, sondern „Schwer- ter und Pflugscharen“. (5) Der DDR, die bis heute der einzige deutsche Staat bleibt, der nie einen Krieg geführt hat, billigte er damals Schwerter nicht zu. Anders dem heutigen Staat, der seine Soldaten in 18 Ländern der Welt hat. Es ist schon verblüffend, wie Ab- wertung der DDR Geschichte und die Vorbereitung der Deutschen auf neue Militärein- sätze Hand in Hand gehen...


VON: EGON KRENZ






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